Am Ende: Selbstmord
Sommer 1939: Er war ein Bilderbuchsommer, warm, sonnig, so als ob er den Deutschen zum
letzten Mal unbeschwerte Ferien gönnen wollte. Dabei ahnten viele, dass Krieg bevorstand; die
Stimmung in Deutschland war gedrückt, kein Jubel wie 1914. Zwei junge Menschen hatten ganz
andere Sorgen: Sie sahen sich in einer ausweglosen Situation und nahmen sich deswegen das
Leben: Ilse Fröhlich und Rudolf M.
Bereits 1985 war im General-Anzeiger Bonn, Ausgabe Rhein-Sieg, zum ersten Mal über die beiden
berichtet worden - allerdings nur ansatzweise, weil die Behörden der DDR damals jegliche
Auskünfte verweigert hatten. Nach über 60 Jahren wurde 2003 zum ersten Mal ihr Tod historisch
dokumentiert. Im Jahre 2007 wurde Ilses Abschiedsbrief dem Stadtmuseum Siegburg
übergeben.
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Ilse Fröhlich
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Ilse ist 1919 in Siegburg geboren und wohnt in der Kaiserstrasse 20. Ihre Eltern sind jüdischen
Glaubens; die Mutter ist vier Tage nach Ilses Geburt gestorben. Rudolf
ist 1915 in Bonn geboren und wohnt zuletzt in der Vorgebirgsstrasse. Sein Vater ist Jude, seine
Mutter ist katholisch; er selbst ist katholisch. Wie und wo und - vor allem - wann die beiden
sich kennengelernt haben, ist unbekannt. Sie verlieben sich. 1937 wird Rudolf zur Wehrmacht
eingezogen und nach Stralsund, später nach Greifswald zur 10. Kompanie des 92.
Infanterieregiments versetzt.
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Abbildung 1: Kaserne in Greifswald, heute Sitz u.a. des Landesarchivs,
in dem die Akte von Ilse und Rudolf aufbewahrt wird. (2003)
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Die Liebesbeziehung der beiden ist unter Strafe gestellt: Nach den sogenannten Nürnberger
Gesetzen von 1935 ist sowohl eine Heirat als auch "ausserehelicher Verkehr zwischen Juden und
Staatsangehörigen deutschen ... Blutes verboten." Die beiden jungen Menschen müssen verzweifelt
gewesen sein, sie haben keine gemeinsame Zukunft. Deswegen fährt Ilse nach Greifswald und
trifft sich mit Rudolf. Beide fahren mit der Eisenbahn nach Bad Heringsdorf, dem mondänen
Ostseebad auf der Insel Usedom, eine Sommerfrische schon für preussische Prinzen und Könige.
Sie wohnen in der Pension Hubertus in der Wilhelmstrasse 15 (heute: Friedenstrasse 15).
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Abbildung 2: Ahlbeck in den 20er/30er Jahren.
In Bildmitte der "Ahlbecker Hof", das erste Haus am Platze.
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Abbildung 3: Bahnhof Ahlbeck (2003)
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Am Abend schreibt Ilse einen Brief an Ihren Vater und an seine Mitarbeiterin, Frau Degen:
"Lieber Vater, liebe Degen!
Wenn Ihr diesen Brief bekommt, dann haben Rudi und ich uns erschossen. Trotz aller
Schwierigkeiten sind wir zusammen gekommen. Ich danke Euch von ganzem, ganzem Herzen für alles,
was Ihr für mich getan habt, denn mehr konntet Ihr wirklich nicht tun u. ich bin Euch so
dankbar, denn Ihr habt mich sorglos leben lassen. Es ist alles Schicksal u. Bestimmung. Sicher,
ich hab Euch viel Kummer gemacht, aber ich konnte nicht gegen mein Herz an. Vergesst den
Schmerz u. all das, was ich Euch antue u. denkt daran, dass wir jetzt glücklich sind.
Meine letzte Bitte ist nur, dass ihr Rudi und mich zusammen in ein Grab legt, wir können ja
hier beerdigt werden. Ich flehe Euch an, erfüllt mir diese Bitte, damit ich wenigstens im Tode
Ruhe habe. Meine Sachen sind in Bad Heringsdorf in Pension Hubertus Zimmer 29. In Worten kann
ich Euch meine Dankbarkeit für Eure Liebe nicht ausdrücken, denn Ihr habt ja mein Bestes
gewollt. Ich grüsse und küsse Euch zum letzten Mal.
Eure Ilse."
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Abbildung 5: Die erste Seite des Briefes
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Ilse wirft den Brief noch am Abend oder in der Nacht in den Briefkasten.
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Abbildung 6: Der Briefumschlag,
mit späteren handschriftlichen Vermerken
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Die Nacht vom 12. auf den 13. Juni 1939 verbringen sie möglicherweise am Strand. Am Morgen des
13. Juni, gegen 6 Uhr, wird der Gendarmeriemeister B. an den Strand von Ahlbeck gerufen: In
einem Strandkorb in Höhe des Hauses Dünenstrasse 41 liegen zwei Leichen.
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Abbildung 7: Ein Strandkorb
vor dem Haus Dünenstrasse 41 (2003)
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Als der Polizist näher an den Strandkorb herantritt, sieht er eine Frau (Ilse Fröhlich) mit
Schussverletzungen an Kopf und "Bauch", wie er später beim Standesamt ungenau sagt. Der Mann
(Rudolf M.) hat auch eine Schussverletzung am Kopf - er gibt "noch schwache Lebenszeichen von
sich". Der herbeigerufene Arzt Dr. Güthenke stellt den Tod der Frau fest und ordnet an, den
Mann in ein Krankenhaus zu bringen; er wird, als sich aus den Papieren ergibt, dass er Soldat
ist, mit einem Sanitätskraftwagen in das Marinestandortlazarett Swinemünde gefahren. Der
Polizist findet in der Hand des Rudolf eine Pistole ausländischen Fabrikats. Nach einem Blick
in das Magazin ist für ihn klar: Rudolf hat zuerst zweimal auf Ilse geschossen: in den Kopf und
in das Herz, dann sich selbst die Pistole an die rechte Schläfe gehalten und abgedrückt. Ilses
Pistole war unbenutzt.
Gendarmeriemeister B. hält in seinem Bericht an den Landrat
fest: "Es ist anzunehmen, dass beide freiwillig aus dem Leben scheiden wollten, weil sie
umarmend im Strandkorb vorgefunden wurden." Aus den Papieren, die Ilse und Rudolf bei sich
haben, gehen ihre Identität und ihre Adressen hervor - allerdings unvollständig. Denn Ilse hat
nicht ihre sogenannte "Kennkarte" bei sich, die ihr in Siegburg am 27. März 1939 (Nr. A 00015)
ausgestellt worden war und aus der hervorging, dass sie Jüdin ist: In der Kennkarte ist erstens
der Buchstabe "J" gross eingedruckt war, und zweitens ist darin der den jüdischen Frauen
aufgezwungene zusätzliche Vorname "Sara" eingetragen. Was Ilse statt dessen an Ausweisen oder
ähnlichem bei sich gehabt hat, ist nicht mehr feststellbar, vermutlich ihren Reisepass Nr.125,
ausgestellt in Siegburg im Jahre 1934, also noch ohne das diskriminierende "J".
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Abbildung 8: "Kennkarte" der Else Berta (Sara)
Waldmann aus Bonn (16.03.1939)
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All das weiss Gendarmeriemeister B. nicht, und so wird im Sterbebuch des Standesamtes Ahlbeck auch nur eingetragen "Ilse Fröhlich".
Noch während der Polizist seinen Bericht an den Landrat schreibt, wird vom Krankenhaus in
Swinemünde telefonisch mitgeteilt, dass Rudolf um 8:50 Uhr verstorben ist.
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Abbildung 9: Luftaufnahme von Swinemünde 1937.
Am linken Rand Ahlbeck und Heringsdorf
Fundstelle: Bundesarchiv
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Die Leichen werden später ins Rheinland überführt: Ilse wird auf dem jüdischen Friedhof in
Siegburg beigesetzt, Rudolf auf dem Bonner Nordfriedhof in einem Reihengrab, das nach 15 Jahren
eingeebnet wurde.
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Abbildung 10: "Mein innigst geliebtes einziges Kind":
Ilses Grabstein auf dem jüdischen Friedhof
in Siegburg (2003)
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Abbildung 11: Das Grab von Ilses Mutter
auf dem jüdischen Friedhof in Siegburg (2003)
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Im Siegburger Einwohnermeldeamt trägt ein Mitarbeiter in der Meldekarte ein: "Lt. Telegramm der
Ortspolizeibehörde Ahlbeck/Ostsee v. 13.6.39 dort erschossen aufgefunden worden."
Das Schicksal von Rudolfs Vater ist vorläufig unbekannt. Ilses Vater wurde zusammen mit
zahlreichen anderen Siegburger und Troisdorfer Juden am 24. Juli 1942 gegen Mittag in Maly
Trostinez bei Minsk (Weissrussland) von der SS erschossen. Zu seiner Person wird auf der
Siegburger Meldekarte eingetragen: " 18.7.42 nach unbekannt Osten abgeschoben".
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Generalanzeiger Bonn, Siegburg 2003
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Ostseezeitung Greifswald, 2003
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Abbildung 12 und 13:
Ein Stolperstein für Ilse Fröhlich
vor dem Haus Kaiserstrasse 20 (06.Dez.2008)
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© 2003 by nf;
Abb. 5 und 6 und Portrait by Stadt Siegburg
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established 2003 |
revised 23.07.2010 |
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