TROISDORF UNTER DEM HAKENKREUZ

Eine rheinische Kleinstadt und die Nationalsozialisten1

von Norbert Flörken

[Motti:]

[Widmung:]

für alexandra,allon, assaf, barbara,dalid, daniel, daniel,merit, naama, roland,shani, thomas und alleanderen kinder

[Geleitwort:]

Liebe Leserinnen und Leser,

dieses Buch ist das Ergebnis jahrelanger Bemühungen des Verfassers.

Es befasst sich mit der Troisdorfer Geschichte zwischen 1933 und 1945.

Durch die Schilderung vieler Einzelheiten und Zusammenhänge und mit einer Genauigkeit, die mühevolle Recherchen erkennen lässt, beschreibt Norbert Flörken hierin die Zeit des Nazi-Regimes in unserer Stadt.

Bei vielen "alten" Troisdorfern werden vielleicht Erinnerungen wachgerüttelt. Viele von uns erfahren aus all diesen Fakten möglicherweise aber auch einiges Neue oder auch Dinge, bei denen wir damals einfach weggesehen haben.

Ich meine, dieses Buch macht deutlich, dass wir alle uns stets unserer Geschichte verpflichtet fühlen müssen.

Darüber hinaus aber sollte sich jedem von uns die Frage stellen:

Was kann heute alles an Unrecht in der Welt geschehen, ohne dass wir es bemerken oder bemerken wollen und ohne dass etwas dagegen getan wird ... ?

Ich wünsche dem Buch viele Leser.

[Jaax]

Bürgermeister

Troisdorf, im November 1986

VORWORT [zur ersten Auflage 1986]

Troisdorf war in den dreissiger Jahren eine kleine Gemeinde von rund 10.000 Einwohnern2 mit chemischer und Metallindustrie im Schatten der Grossstadt Köln. Auch in Troisdorf hat der Nationalsozialismus seine Spuren hinterlassen - sicher nicht so dicht wie in Köln, Bonn oder auch in der Kreisstadt Siegburg. Bevor jedoch nach nunmehr 50 Jahren immer mehr dem Vergessen anheim fällt, soll ein erster Versuch unternommen werden, eine Bestandsaufnahme der 12 NS-Jahre zu machen und festzuhalten, was an Zeugnissen und Berichten noch greifbar ist3. Nicht zuletzt soll mit diesem Buch auch der Bitterkeit jener Rechnung getragen werden, die sich darüber - zu Recht - beklagen, dass "man dieser Sache besser schon vor 30 Jahren hätte nachgehen müssen."4

DIESES BUCH IST DEN KLEINEN LEUTEN GEWIDMET, die zwischen 1933 und 1945 ihr kleines Leben führen wollten, daran aber von den Machthabern nachhaltig gehindert wurden. Die Rede soll sein von den Verfolgten, die es keineswegs darauf anlegten, Gegenstand unermesslichen Behördenaufwandes oder schreierischer Presseartikel zu werden: Mitglieder der KPD, der SPD, des Zentrums und ihre Familienangehörigen; die Bewohner des Dorfes Altenrath und die Juden; die Geisteskranken und die Ausländer; der aus dem Tritt geratene Soldat - kurzum diejenigen Mitmenschen, die z.T. 12 Jahre lang unter den Nazis zu leiden hatten - und unter der vollmundigen Selbstgefälligkeit angeblicher Widerständler auch noch nach 1945.

Die, die 1000 Jahre lang das Sagen hatten, und ihre Mitläufer sollen in das Dunkel der Geschichte, aus dem sie kamen, zurückfallen. Ihre Motive, Konflikte und Persönlichkeitsmerkmale, die einem Psychiater etwas bedeuten könnten, interessieren hier höchstens am Rande. Wer Mitglied der NSDAP war, hat auch das Recht verwirkt, vor der jungen Generation sein Tun rechtfertigen zu dürfen. Thema ist, was die Verfolgten erlebt haben; was sie in den letzten Monaten oder Minuten vor ihrem Tod durchlitten, gefühlt, gedacht haben. Der Leser möge sich in i h r e Lage hineinversetzen.

Eine Geschichte Troisdorfs existiert aus dem Jahre 1940: TRIPPENs "Heimatgeschichte"; MüLLER ("Geschichte der Troisdorfer Pfarreien", S.82-103) behandelt die NS-Zeit, soweit die Nazis in das Kirchenleben eingriffen; HELLMUND in den Troisdorfer Jahresheften 1981 und 1984 stellt kurz einige Aspekte der NS-Zeit dar; OSSENDORF hat 1984 einen umfangreichen Bildband zur Geschichte Gesamt-Troisdorfs herausgegeben.

Zwei Ausstellungen - "Alltag im Nationalsozialismus in Troisdorf" (1983 und 1985, Jungsozialisten Troisdorf5) und "Juden an Rhein und Sieg" (1983, Rhein-Sieg-Kreis6) - haben in letzter Zeit die lokale Vergangenheit aufgearbeitet und der öffentlichkeit vorgelegt.

Untersuchungsgebiet dieses Buches ist in der Hauptsache die ehemalige Gemeinde Troisdorf; sie ist in erster Linie gemeint, wenn von "Troisdorf" die Rede ist. Hinzukommen bei einzelnen Themen, ohne dass dabei Vollständigkeit erreicht wird, drei weitere Gebiete:

  1. Die sogenannte "Homberg-Siedlung"7, benannt nach dem Bauunternehmer Homberg; sie gehörte bis 1969 amtlich zu dem Sieglarer Ortsteil Oberlar, war aber von diesem durch die Eisenbahnlinie Köln-Troisdorf optisch getrennt und lag viel näher an Troisdorf. Diese Siedlung liegt im Viereck von Kölner-, Sieglarer-, Ohm- (früher: Horst-Wessel-)Strasse und Stationsweg.

  2. Der Ortsteil Friedrich-Wilhelms-Hütte8, der bis 1969 zum Amt Menden gehörte, von diesem aber durch die Sieg getrennt ist und optisch - wenn auch nicht so eindeutig wie die "Homberg-Siedlung" - zu Troisdorf geschlagen wurde. Für die Zeit der Untersuchung ist besonders wichtig die sogenannte "Schwarze Kolonie", wie die "Rote Kolonie" in Troisdorf-West9 und die Siedlung in der Oberlarer Johannesstrasse, eine Arbeitersiedlung der Klöckner-Mannstaedt-Werke und benannt nach der Farbe der Dachziegel.

  3. Altenrath, in der Wahner Heide gelegen, gehörte ehemals zur Gemeinde Lohmar, war aber durch die Agger von ihr getrennt und - vor allem nach der Vertreibung 1938 durch die Militärs10 - viel stärker mit Troisdorf verbunden; seit 1969 ist auch Altenrath Troisdorfer Ortsteil.

Untersuchungszeitraum sind grundsätzlich die Jahre 1933 bis 1945; von einzelnen Personen (Peter Z., Matthias Langen, Josef Hoegen, Hans G.) wird auch einiges aus der Zeit der Weimarer Republik oder aus den Nachkriegsjahren berichtet.

Diese Darstellung muss lückenhaft bleiben. Nach 50 Jahren leben viele Zeitzeugen - d.h. in den meisten Fällen: Opfer - nicht mehr. So sind allein während der Vorarbeiten zu diesem Buch Leonhard R., Bruno F., Käthe J., Agnes K., Peter K., Otto N., A[???] M[...] verstorben. Schriftliche Unterlagen sind vielfach durch Kriegseinwirkung zerstört, aber auch von den Nazis vernichtet worden11. Spätere haben sie nach Ablauf von Fristen aussortiert12 oder achtlos weggeworfen. Vereinzelt haben Betroffene - offensichtlich verschreckt durch bittere Erfahrungen in den letzten Jahren - sich geweigert, ihre Unterlagen oder ihr Wissen mitzuteilen.

Ehemalige Nazis sind bewusst nicht befragt worden. In ihren Aussagen - so wertvoll sie in Details auch sein mögen - wird die NS-Zeit nach den Erfahrungen des Verfassers durchweg verharmlost oder gerechtfertigt. Zuweilen erwiesen sich diese älteren Männer als unbelehrbare, nur mühsam an rechtsstaatliche Normen angepasste, unverbesserliche Hitler-Anhänger. Um sie nicht durch eine Befragung oder Erwähnung noch einmal aufzuwerten, hat es der Verfasser in Kauf genommen, dass die eine oder andere Information fehlt.

So bleibt denn als Aufgabe, aus den in unterschiedlicher Dichte überlieferten Quellen ein schlüssiges Bild jener Jahre zu erstellen. Vorgänge, die im Vergleich mit anderen möglicherweise wenig bedeutsam oder folgenreich erscheinen, werden trotzdem so ausführlich wie möglich behandelt, und sei es eben nur deshalb, weil die Quellenlage so günstig ist oder weil Zeitzeugen berichten konnten.

Auch aus einem anderen Grund kann kein komplettes Bild jener Zeit erwartet werden: Für den Nachgeborenen erwächst die NS-Zeit doch nur mittelbar - aus Akten, Zeitungen, Erzählungen. Und darin hat sich weitestgehend nur das Besondere, Auffällige, Unangepasste niedergeschlagen und erhalten. Der übliche, unauffällige, angepasste 12 Jahre dauernde Alltag mit seinem familiären Glück oder Leid (z.B. der Bombenangriff vom 29.12.44 oder der Tod an der Front), mit den privaten Erlebnissen oder dem beruflichen Aufstieg wird nicht erfasst.

Nicht behandelt werden zwei zugegebenermassen wichtige Bereiche: die Kirchen - hier in erster Linie die katholische - und die Vereine. Sie wurden zurückgestellt, um die Veröffentlichung des Buches durch langwierige Forschungsarbeiten nicht noch weiter zu verzögern. Auch in den Bereichen: Zwangsarbeiter und Euthanasie ist die eine und andere Frage noch nicht beantwortet worden.

Die Namen von Privatpersonen - Tätern wie Opfern - werden meistens nur abgekürzt oder verändert wiedergegeben. Einerseits wollen manche Angehörigen das Leben ihrer verfolgten Eltern nicht noch einmal vor der öffentlichkeit ausgebreitet sehen. Andererseits geniessen die Täter heute den Schutz der Persönlichkeit und sind womöglich so dreist, den Schutz des Rechtsstaates, den sie selbst jahrelang mit Füssen getreten haben, vor Gericht für sich gegen die Forschung in Anspruch zu nehmen. In drei Fällen ist das Schicksal der betroffenen Personen nicht weiter dargelegt worden, da sie noch leben.


1 Dem TITELBILD diente als Vorlage ein Foto des Gedenksteins am Jahnplatz, der am 8. Mai 1985 im Beisein zahlreicher Troisdorfer eingeweiht wurde.

2 Die SZ nennt am 4.7.33 für Troisdorf 10.330 Einwohner.

3 In einem Fall muss auch schon eine Legende zurecht gerückt werden: Der NS-Bürgermeister Schünemann hat der Familie Bernauer (siehe unten.) kein Versteck besorgt und auch nicht von ihrem Versteck gewusst.

4 Otto N. an Vf., 7.10.82.

5 s. die Zeitungsberichte im General-Anzeiger (Ausgabe Siegburg), Rhein-Sieg-Anzeiger, Rhein-Sieg-Rundschau vom 26.1.83, 1.2.83, 6.5.85.

6 s. LINN, Juden, und LINN, Ausstellung.

7 Foto in OSSENDORF, S.36.

8 dazu s. SCHULTE, FWH.

9 dazu s. HöNSCHEID; Fotos in OSSENDORF, S.36 und 128 f.

10 s. Kapitel 5.

11 ein Beispiel: "Vor dem Einmarsch der amerikanischen Streitkräfte in den Siegkreis im Frühjahr 1945, hat der derzeitige [gemeint ist: der damalige] Bürgermeister von Sieglar, Herr Dohmen, angeordnet, dass unter anderem[!] auch alle Akten, welche irgendwie mit der Rassenfrage in Zusammenhang standen, zu vernichten seien." Das schreibt der Sieglarer Standesbeamte am 6.5.47 an den Landrat (ARSK, LSK 4594, Bl.40 v.; vgl. LINN, Ausstellung, S. 171).

12 Der Ltd. Oberstaatsanwalt Bonn an Vf., 22.10.84: "Im übrigen sind Verfahrensakten aus dem Sie interessierenden Zeitraum mit Ausnahme weniger geschichtsbedeutsamer Einzelfälle bereits vernichtet, so dass sie auch bei dem Nachweis eines zur Akteneinsicht berechtigten Interesses nicht mehr zur Verfügung gestellt werden können.[...]" Die Anfrage bezog sich auf ein Urteil des Schöffengerichts Siegburg vom 2.6.39 gegen den Juden Alfred Pins; wegen "Steuerhinterziehung" war Pins zu 60 RM bzw. 12 Tagen Gefängnis verurteilt worden (zu den Einzelheiten s. Kapitel 7.) Es bleibt die Frage, welcher Jurist nach welchen Gesichtspunkten irgendwann einmal entschieden hat, dass das Terror-Urteil gegen Pins kein geschichtsbedeutsamer Einzelfall gewesen ist. "Trotz eingehender Nachforschungen" derselben Behörde konnte "der Verbleib" folgender Akten "nicht mehr festgestellt werden":

- gegen Bgm. Langen (OStAnw Bonn, Az. 5 J 545/33),

- gegen F.H. (StAnw Bonn, Urteil am 8.8.34),

- gegen Bgm. P. J. Reinartz (OStAnw Bonn, Az. 5 Js 168/35),

- gegen Peter K. (StAnw Bonn, Az. 5 J 1074/33),

- gegen Theodor S. (StAnw Bonn, Az. ?/34),

- gegen Josef B. (StAnw Bonn, Az. 2 Js 961/35). Der Ltd. Oberstaatsanwalt Bonn an Vf., 16.9.83.

Valid XHTML 1.0 Transitionalam 12.12.2009.