DAS ENDE DES GEMEINDERATES 1933

Welcher Geist künftig durch das Troisdorfer Rathaus wehen soll, führen die Nazis nach der Reichstagswahl, aber noch vor der Gemeindewahl allen Mitbürgern deutlich sichtbar vor Augen: Am 7.März hissen sie vormittags - angeblich auf höhere Anordnung1 - auf dem Rathaus2 an der Poststrasse die Hakenkreuzfahne: Juristisch und protokollarisch ist es (noch) ein Unding, eine Parteifahne auf einem öffentlichen Gebäude hochzuziehen. Freilich sind die Troisdorfer Nazis nicht die einzigen, die das tun; solches ist aus anderen Orten3 auch überliefert. Sie tun auch nur das, worum der neue preussische Innenminister Hermann Göring scheinheilig gebeten hat:

In der Freude über den ausserordentlichen Wahlerfolg [bei den Reichstagswahlen] hat die Bevölkerung vieler Orte das Hissen der Hakenkreuzfahne auf staatlichen und kommunalen Dienstgebäuden gefordert und durchgesetzt. Ich bitte, dieser verständlichen Volksstimmung in den nächsten Tagen Rechnung zu tragen.4

Der Bürgermeister von Bad Godesberg, Zander, allerdings hat noch am 27.Februar die auf der Godesburg aufgezogene Fahne entfernen lassen und Strafantrag gegen die Godesberger NSDAP wegen Hausfriedensbruch5 gestellt. Aus Troisdorf ist vergleichbarer Widerstand nicht überliefert.

Hakenkreuzfahne hin - Hakenkreuzfahne her: Die Gemeindewahl am 12.März bringt den Nazis in Troisdorf einen schönen Erfolg: Sie sind jetzt zum ersten Mal im Gemeinderat vertreten, und zwar mit fünf Gemeindeverordneten (GV):

Damit stellen sie nach dem Zentrum (8 GV) und mit der "Gemeinnützigen Interessengemeinschaft", hinter der sich der Haus- und Grundbesitzerverein versteckt6, die zweitstärkste Fraktion7. Aber bezogen auf die Reichstagswahl vom Sonntag zuvor haben die Nazis - wie andere Parteien auch - beträchtlich an Stimmen verloren: Von 1.663 (RT) ist das Stimmenaufkommen auf 1.146 (GR) gesunken. Und von den 22 Sitzen des Gemeinderates stellt die NSDAP mit ihren 5 keineswegs eine irgendwie beeindruckende Mehrheit dar. Wie im Reichstag auf die DNVP und das Zentrum, so sind die Nazis auch im Troisdorfer Gemeinderat auf den guten Willen der ansonsten so verhassten Parteien der "Weimarer Systemzeit", vor allem des Zentrums, der Partei des politischen Katholizismus, angewiesen.

Die Linke, im Gemeinderat mit drei Sitzen vertreten (Odenthal und Schneider, SPD; Saal, KPD), kann schon nicht mehr mitreden, weil diese drei am Tag nach der Wahl, am 13.März, verhaftet werden. An der konstituierenden Sitzung des Gemeinderates am 4.April sind sie nicht beteiligt: Odenthal wird erst am 8.April entlassen8; Saal, bereits am 30.März entlassen9, darf nach einem besonderen Runderlass des preussischen Innenministers vom 20.März nicht mehr an der Sitzung teilnehmen, da alle Vertreter der KPD

sämtlich unter dem Verdacht des Hochverrats stehen. Ihre Ladung hat daher zu unterbleiben.10

Saal verzichtet am 2.April auf die Wahrnehmung seines Mandats; Schneider ist "abwesend m[it] E[ntschuldigung]"11.

Die bürgerlichen Parteien sind also bei der ersten Sitzung des Gemeinderates unter sich. Was damals passierte, kann man im Protokoll und in drei Zeitungsberichten nachlesen:

1.

T r o i s d o r f, 6.April. Leider[,] möchte man sagen, war der prachtvoll geschmückte Thiesensche [Saal] viel zu klein [,] um alle die Erschienenen zu fassen, die der Einladung zur Eröffnung des Troisdorfer Gemeinderats gefolgt waren. Ausser den Oberklassen der Schulen waren die hiesigen Vereine, Verbände und sonstige Korporationen mit Fahnendeputationen vertreten. Unter den Erschienenen bemerkte man als Ehrengäste u.a. Regierungsassessor Dr. Thiel und Kreisdeputierter Herchenbach als Vertreter der Kreisverwaltung, sowie verschiedene massgebende Persönlichkeiten der hiesigen Fabriken. Eine solche gewaltige u[nd] eindrucksvolle Feier wie diese hat Troisdorf wohl noch selten gesehen.

Nach den einleitenden Musik- und Gesangvorträgen, dem Prolog, gesprochen von einem SA.-Mann, eröffnete der Bevollmächtigte der Nationalen Regierung, Herr Naas, die Feier und gab in kurzen Zügen die Ziele der Nationalen Regierung bekannt. Nun ergriff Bürgermeister Langen das Wort zur Begrüssung der Ehrengäste und der Erschienenen. Er gelobte der neuen Regierung die Treue der Gemeinde, ermahnte die neuen Gemeindeverordneten[,] getreu ihre Pflicht zu tun[,] und bat aber auch die Erschienenen[,] ihrerseits Vertrauen zur Verwaltung zu haben, damit die Gemeinde als Urzelle des Staates gedeihe und mit der Gemeinde der Staat und das Vaterland. Anschliessend nahm er die Verpflichtung der G[emeinde]V[erordneten] vor. Einsprüche gegen die Wahl12waren nicht erfolgt.

Aus der nun getätigten Wahl der Beigeordneten und Kommissionen gingen hervor: Beigeordnete: Steinmetz Pet[er], Hagen Amandus, Dr. Karl Mannstaedt und Braschoss Franz; [es folgen die Kommissionen und ihre Mitglieder].

Dem Antrag, die Poststrasse "Adolf-Hitler-Strasse" zu benennen, wurde zugestimmt13. Ebenfalls wurde dem Antrag stattgegeben, dem Reichspräsidenten v[on] Hindenburg und dem Reichskanzler Adolf Hitler das Ehrenbürgerrecht zu verleihen. Weiter folgten nun die Reden der einzelnen Fraktionsführer, die ebenfalls der neuen Regierung treue Mitarbeit gelobten zum Wohle der Gemeinde und des Vaterlandes. Damit nahm die eindrucksvolle Feier, die von Musikvorträgen einer SA- und einer Stahlhelmkapelle, sowie von Gesangsvorträgen des MGV "Caecilia" umrahmt war, ihr Ende.

2.

Die erste Gemeinderatssitzung

Erhebender Verlauf. - Alle Beschlüsse einstimmig gefasst. - Reichspräsident Hindenburg und Reichskanzler Hitler Ehrenbürger. - Die Poststrasse in Adolf-Hitler-Strasse umgenannt.

Wir haben in den letzten Wochen manchen erhebenden Akt des nationalen Deutschland erlebt. Wer aber gestern die erste Gemeinderatssitzung miterlebt hat, kann nur in den Worten des Gemeindeverordneten TAUBE14mit einstimmen, der sagte: "Solche Stunden habe ich noch nicht erlebt, aber auch solche Stunden vergisst man in seinem Leben nicht." Damit ist wohl in den paar knappen Zeilen dem Ganzen der Stempel des Erhebenden aufgedrückt.

Lange vor Beginn war der grosse Saal Thiesen, von dem vor Jahren hier in Troisdorf die Bewegung15ihren Ausgang nahm, von allen Ständen der Bevölkerung besetzt. Aber immer noch kommen neue Scharen, sodass, als die Vereine mit ihren Fahnen einmarschierten, bereits ein beängstigendes Gedränge herrschte. Der Saal selbst, mit den Fahnen Schwarz=weiss=rot, der Hackenkreuzfahne[sic!] und den Landesfarben geschmückt, machte einen feierlichen Eindruck. Lorbeerbäumen[!] und frische Blumen umstanden die Bilder des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers.

Nach einem Prolog eröffnete Herr NAAS, Bevollmächtigter der Nationalen Regierung, die erste Gemeinderatssitzung, zugleich alle geladenen Gäste und Erschienenen aufs herzlichste begrüssend16und der Gefallenen des Weltkrieges gedenkend.

Bürgermeister LANGEN nahm dann die Verpflichtung der neugewählten Gemeindeverordneten vor, nachdem er vorher in einer kurzen Ansprache auf den Sinn und die Bedeutung der Zusammenkunft hingewiesen hatte. Er bat alle Bürger, ihrerseits auch alles Trennende zu vermeiden und alles einzusetzen für die geliebte Heimatgemeinde und das gemeinsame Vaterland.

Die zu erledigenden Punkte der Tagesordnung fanden schnell ihre Erledigung. Alle Beschlüsse wurden einstimmig gefasst und setzen sich die verschiedenen Kommissionen wie folgt zusammen:

Beigeordnete

Steinmetz Peter, Hagen Amandus, Dr. Mannstaedt Carl, Braschoss Franz.

[Es folgen die Kommissionen und ihre Mitglieder.]

Herr REINARTZ richtete dann einige Worte an die Festversammlung und betonte besonders, dass die N.S.D.A.P. es als ihre heiligste Pflicht ansehe, besonders die Bürger zu schützen, die am bedürftigsten sind. Sein Antrag, dem Reichspräsidenten und dem Reichskanzler das Ehrenbürgerrecht zu verleihen, fand einstimmige Annahme [siehe unten].

Dr. HAMACHER gab seitens der Zentrumspartei die Erklärung ab, im Sinne ihres Führers Kaas17an dem Aufbau tatkräftig mitzuarbeiten und alles Gewesene zu vergessen. Zur Bekräftigung seiner Worte bot er den anderen Fraktionsführern seine Rechte[,] welches dankbar anerkannt wurde.

Herr TAUBE versicherte für sich und seine Freunde, weiter wie bisher zu arbeiten unter dem Motte[!] : Gemeinnutz geht vor Eigennutz.

Viel zur Verschönerung der Feier trug die "Cäcilia" bei, die mit ihren Liedern "Wo die alten Eichen rauschen" und "Hoffnung" der Weihestunde das richtige Gepräge gab.

Aber auch die beiden Musikchöre, die Stahlhelmkapelle Troisdorf und die S.A.=Kapelle dürfen nicht vergessen werden. Ihre Weisen waren dem ganzen angepasst und wurden vorwiegend Musikstücke aus vergangenen Zeiten zu Gehör gebracht. Mit dem Deutschlandlied fand die Feier ihren Abschluss.[...]18

Die Gemeinde sandte folgende Telegramme aus Anlass der Ernennung zu Ehrenbürgern nach Berlin:

Herrn Reichspräsidenten von Hindenburg, Berlin.

Aus Anerkennung und zum Zeichen des Dankes für Ihr hervorragendes Wirken hat die Gemeinde=Vertretung Sie in feierlicher Sitzung einmütig zum Ehrenbürger der Gemeinde Troisdorf ernannt. Der Ehrenbürgerbrief folgt in Kürze.

Gehorsamst:

Der Bürgermeister. Das Beigeordnetenkollegium. Die Gemeindevertretung.

Herrn Reichskanzler Hitler, Berlin.

In feierlicher Sitzung hat der neugewählte Gemeinderat von Troisdorf Sie einstimmig zum Ehrenbürger ernannt. Der Ehrenbürgerbrief folgt in Kürze.

Gehorsamst:

Der Bürgermeister. Das Beigeordnetenkollegium. Die Gemeindevertretung.

3.

Gemeinderatssitzungen im Siegkreis

[...] in Troisdorf

Heute morgen 11 Uhr trat der neugewählte Gemeinderat zu seiner ersten Sitzung zusammen, die in feierlicher und erhebender Form abgehalten wurde. Der Römersaal19Troisdorf konnte die Massen, die dieser nationalen Veranstaltung beiwohnen wollten, nicht fassen. Vertreter der Geistlichkeit20, der Behörden, Fahnenabordnungen von Verbänden und Vereinen, zahlreiche Ehrengäste, die Schulkinder und viele Bürger füllten den Saal.

Man sah unter anderen den Kreisleiter der NSDAP, Pg. HOFFSTäTTER M.d.L., den Leiter des Finanzamtes in Siegburg, den Pg. OBERREG[ierungs]RAT KOLLEVE, den Staatskommissar für die Stadt Siegburg, Pg. Willi LEY, von der Kreisverwaltung Herrn Reg[ierungs]Assessor Dr. THIEL und den Kreisdeputierten Herchenbach.

Nach dem feierlichen Einzug der Fahnen, darunter allein vier Hakenkreuz- und eine Stahlhelmfahne, sprach stellvertretender Kreisleiter Pg. GABRIEL SAAL einen Prolog, der die deutsche Nation zur Freiheit und Einigkeit aufrief.

Sodann ergriff der Beauftragte der nationalen Regierung beim Amte Troisdorf, Obersteuersekretär Pg. Nass21, das Wort zu einer längeren Rede, woran sich eine Ehrung der Gefallenen des Weltkrieges anschloss. Die Musik spielte das Lied vom guten Kameraden, und alles gedachte unserer Gefallenen des Weltkrieges und der Blutopfer unserer Freiheitsbewegung.

Der Männergesangverein "Caecilia" Troisdorf brachte nun einen wohlgelungenen Chorgesang zu Gehör und erntete für seine Darbietung reichen Beifall.

Hiernach sprach der Bürgermeister von Troisdorf, Herr LANGEN.

Zu Beginn seiner Ausführungen wies er darauf hin, dass es ein Symbol sei, dass das Wappen von Troisdorf heute von dem Hakenkreuzbanner und der Fahne Schwarz-Weiss-Rot umrahmt würde.

Er betonte die BEREITWILLIGKEIT[,] IN EINIGKEIT mitzuarbeiten am Wiederaufbau unseres Vaterlandes. Dann forderte er die Wiederherstellung der Selbstverwaltung und das Wiederkehren von Sauberkeit und Gerechtigkeit in den einzelnen Verwaltungen.

Zum Schluss gelobte er dem Reichspräsidenten, Generalfeldmarschall von Hindenburg, und dem Reichskanzler Adolf Hitler TREUE GEFOLGSCHAFT und brachte ein dreifaches Heil auf diese Führer unseres Volkes aus.

Nun wurde in die eigentliche Tagesordnung eingetreten. Der Bürgermeister verpflichtete die neuen Gemeindeverordneten durch Handschlag. Die Gültigkeit der Wahl wurde einstimmig festgestellt. Ebenso einstimmig wurden die Beigeordneten und die einzelnen Kommissionsmitglieder gewählt. Der Bürgermeister gab ferner bekannt, dass verschiedene Strassenumbenennungen erfolgt seien, und zwar die Poststrasse in Adolf-Hitler-Strasse und die Friedrich-Ebert-Strasse in Claus-Clemens-Strasse.

Der Fraktionsführer der NSDAP, Standartenführer [Peter] REINAR[T]Z, beantragte, den Reichspräsidenten, Generalfeldmarschall von Hindenburg, und den Reichskanzler Adolf Hitler zu Ehrenbürgern zu ernennen. Der Bürgermeister befürwortete diesen Vorschlag, der dann auch einstimmig angenommen wurde.

[...]

Nach Schluss seiner Rede sang die Menge begeistert das Horst-Wessel-Lied.

Der Männergesangverein "Caecilia" sang abermals einen Chor, und jetzt sprach der Vertreter des ZENTRUMS, Dr. [Wilhelm] Hamacher. Aus seinen Ausführungen konnte man die PRINZIPIELLE BEREITSCHAFT zur TäTIGEN MITARBEIT schliessen.

Der Vertreter der ARBEITSGEMEINSCHAFT22, Gemeindeverordneter Taube, führte aus, [...] er sei froh, dass die marxistische Herrschaft endlich gebrochen sei, denn die früheren Machthaber hätten jegliche Aufbauarbeit im nationalen Sinne gehemmt. Er und seine Freunde seien bereit, mitzuarbeiten für die Ziele der nationalen Regierung.

Nach Vorträgen der [SA-]STANDARTENKAPELLE 160 und der STAHLHELMKAPELLE schloss der Bürgermeister die in vollster Einmütigkeit verlaufene erhebende Feier.

Der erste Bericht ist aus der "Siegburger Zeitung" (SZ), der zweite aus dem Kölner "Stadt-Anzeiger"; die beiden können als bürgerliche Blätter betrachtet werden. Der dritte - fast vollständig zitiert - aus dem "Westdeutschen Beobachter" (WB), dem Parteiorgan der NSDAP.

Hier soll nun nicht die Berichterstattung unter journalistischen Gesichtspunkten beleuchtet werden - was auch manche Aufschlüsse brächte: hier interessiert das Verhalten der Politiker. Der WB als parteiische Zeitung muss selbstverständlich mit Vorsicht gelesen werden: Hinter der Maske des nationalen Biedermannes verbirgt sich ein Feind der Demokratie, ein Hetzer. Doch was Einzelheiten angeht, ist der WB erstaunlich exakt. So bleibt festzuhalten:

Der Rentner Felix Taube von der "Gemeinnützigen Interessengemeinschaft" jubelt, dass die "marxistische Herrschaft endlich gebrochen sei" - als ob in Troisdorf die SPD und die KPD jemals "geherrscht" hätten! Aber er hat ja auch das Reich im Sinn, das Vaterland, die Nation ...

Den Anträgen der NSDAP (Ehrenbürgerschaften, Strassennamen) wird "einstimmig" und "freudig" zugestimmt. Heisst das: Mit den Stimmen des Zentrums? Haben sich Dr. Hamacher und seine Fraktion beim Antrag der Ehrenbürgerschaften durch den Namen "Hindenburg" von den Nazis hereinlegen lassen? Haben sie den ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert (SPD) symbolisch geopfert gegen irgendeinen NS-Märtyrer? Der WB lügt nicht, als er schreibt, dass Hamacher "die prinzipielle Bereitschaft zur tätigen Mitarbeit" erkennen lasse, der Stadt-Anzeiger berichtet ebenso. Auch das offizielle Protokoll formuliert:

Namens der Zentrumsfraktion sprach Herr Dr. Hamacher. Er betonte, dass die Zentrumsfraktion gewillt und bereit sei, mit den übrigen Fraktionen zusammen zu arbeiten, und bot allen Parteiführern die Hand24.

Ohne auch nur den Anschein von Widerstand zu erwecken, lassen die bürgerlichen Parteien die Republik fallen. Vielleicht erhoffen sich Hamacher und seine Freunde aus ihrem "Nicht-Dagegen-Sein" irgendwelche Freiräume. Wenn man sagt, "Weimar" sei eine "Republik ohne Republikaner" gewesen, so sind damit auch die bürgerlichen Umfaller gemeint25.

Meinungsverschiedenheiten hat es im Troisdorfer Zentrum vielleicht doch gegeben: Am 11.Mai treten Alois Müller und Dr. Forsbach von ihren Mandaten zurück; für sie rücken Franz Broermann und W. Lohmar nach26 - solange, bis auch die restlichen Parteien verboten werden (Juni/Juli 1933).

Der "Stahlhelm", die Vereinigung der Veteranen des 1.Weltkrieges, hat sich schon mehrmals mit den Nazis zusammengetan:

Bei der dritten Sitzung des Gemeinderates am 21.Juni 1933 haben sich die Reihen weiter gelichtet: Schneider32 und Udert33 (SPD) haben ihr Mandat niedergelegt - niederlegen müssen: Auch sie werden den Brief des Landrats erhalten haben, in dem ihnen "aufgegeben" worden ist, sich der weiteren Ausübung ihres Mandats zu "enthalten"34. Von dem (NS-)Beigeordneten Steinmetz werden die neuen Zentrumsmitglieder Lohmar und Broermann darauf "aufmerksam [gemacht], dass sie ihr Amt im Sinne des Nationalsozialismus auszuüben haben."35 Tags darauf wird die SPD im ganzen Reich verboten36, am 6.Juli löst Brüning das Zentrum auf37; am 14.Juli werden mit dem "Gesetz gegen die Neubildung von Parteien"38 alle Parteien - ausser der NSDAP natürlich - verboten.

In der vierten Gemeinderatssitzung am 30.Juni 1933 verkündet der neue Bürgermeister Peter Josef Reinartz stolz, er sei nicht gewählt, sondern "mit dem Willen unseres Volkskanzlers Hitler an die erste Stelle der Troisdorfer Gemeinde berufen worden."39 Und selbst jetzt noch - Ende Juni 1933 ! -gibt Dr. Hamacher für das Zentrum "die Erklärung loyaler Mitarbeit ab": Die sieht dann so aus, dass er "wünscht, dass die Kirchstrasse ihrer Bedeutung wegen bei der Herrichtung asphaltiert werde."40 Dr. Hamacher wohnt in der Kirchstrasse Nr.39.

Zur Mitglieder- oder gar Wählerstruktur der Troisdorfer NSDAP im Frühjahr 1933 kann nicht viel Definitives gesagt werden, weil die Quellenbasis schmal ist: überliefert sind die Kandidatenlisten zur Gemeindewahl41 und die Wahlergebnisse für den Reichstag und den Gemeinderat42. In der Kandidatenliste überwiegen die "bürgerlichen" Berufe (10 von 16), 6 Kandidaten sind als "Arbeiter" zu betrachten (4 Schlosser, 1 Elektriker, 1 Kraftfahrer). Die 10 "Bürgerlichen" setzen sich zusammen aus 4 kaufmännischen Angestellten, 1 Ingenieur, 1 Landwirt, 1 Gastwirt, 1 Treuhänder, 1 Reichsbahn-Betriebsassistent, 1 Buchhalter.

Damit fällt die Troisdorfer Zusammensetzung noch nicht aus dem allgemein bekannten Rahmen: Die NSDAP war die "gewaltige Sammelpartei der Mittelschichten"43, die Partei des radikalisierten und furchtsamen Kleinbürgertums44.

Die "guten" Bürgerlichen (Lehrer, ärzte, Fabrikanten) waren im Zentrum45 oder - wenn sie "nationaler" dachten - im "Nationalen Block"46. Eines ist ihnen allen gemeinsam:



1 So im Stadt-Anzeiger, 8.3.33 (StaT, Ortschronik).

2 Foto in TRIPPEN, vor S.289, und OSSENDORF, S.56.

3 z.B. Köln (LADEMACHER, Abb.6; W+V KöLN, S.54 ff), Bochum und Wattenscheid (WAGNER, S.163 ff).

4 Göring an RP u.a.: Funkspruch, 7.3.33, in W+V KöLN, S.58.

5 Bgm. Zander wird im April 33 beurlaubt und tritt Ende des Monats zurück; der Vorgang in WB, 4.4.33, und GA, 22.4.33 (=BONN, Nr.103 und 140).

6 nach SZ, 1.3.33.

7 Ergebnisse nach SZ, 14.3.33; s. Dokumententeil.

8 Gefängnisverwaltung an Landrat, 8.4.33, in HStAD, LAS 33, Bl. 207.

9 SZ, 3.4.33.

10 Preuss. Innenmin., Runderlass, 20.3.33, in SZ, 29.3.33.

11 Sitzungsprotokoll vom 4.4.33, in StaT, Protokollbuch 1926-1937, S.433 ff.

12 Der Wahlvorgang selbst kann ja noch als rechtsstaatlich eingestuft werden. Dass KPD und SPD fehlen, steht auf einem anderen Blatt.

13 Liste der umbenannten Strassen s. Dokumententeil.

14 Die Namen und zentrale Begriffe, im Original gesperrt gedruckt, sind hier gross geschrieben.

15 die "Hitler-Bewegung" ist gemeint: die NSDAP.

16 im Original: "begrüsste".

17 gemeint ist Prälat Kaas, der Vorsitzende der Zentrumspartei.

18 Es folgt noch ein Absatz, in dem Wünsche für die Zukunft ausgedrückt werden.

19 gemeint ist der Saal Thiesen.

20 im Original gesperrt.

21 in anderen Texten: Naas.

22 gemeint ist die "Gemeinnützige Interessengemeinschaft", die 5 Gemeindeverordnete zählte, also genauso viele wie die NSDAP.

23 Hitler nimmt die Ehrenbürgerschaft an (Sitzungsprotokoll vom 17.5.33, aaO, S.452), Hindenburg ebenso (Stadt-Anzeiger, 21.4.33):

Der Reichspräsident Berlin, den 12.April 1933

Sehr geehrte Herren!

Für die Ernennung, die mir die Gemeindevertretung von Troisdorf durch die Verleihung des Ehrenbürgerrechtes erwiesen hat, spreche ich meinen aufrichtigen Dank aus. Ich nehme die Ehrung gern an und sende Ihnen und meinen neuen Mitbürgern meine herzlichen Grüsse und besten Wünsche für die Zukunft der Gemeinde Troisdorf.

von Hindenburg

vgl. SZ, 24.4.33.

Hitler antwortet (Stadt-Anzeiger,15.12.33):

An den Gemeinderat Troisdorf

Die Verleihung des Ehrenbürgerrechts von Troisdorf erfüllt mich mit aufrichtiger Freude. Ich nehme die Ehrenbürgerschaft an und bitte, dem Gemeinderat meinen ergebensten Dank sowie meine besten Glückwünsche für das Blühen und Gedeihen von Troisdorf aussprechen zu dürfen.

mit deutschem Gruss !

Adolf Hitler.

Ehrenbürgerschaften für Hindenburg, Hitler oder andere NS-Grössen u.a. auch in Düsseldorf (DOK.DüSSELDORF, 3, S.108), Dortmund (W+V DORTMUND, Nr.107), Wattenscheid und Bochum (WAGNER, S.219 ff), Aachen (KIRSCHGENS/SPELSBERG, S.81), Bonn (BONN, Nr.88), Bad Godesberg (BONN, Nr.122), Beuel (BONN, Nr.104), Karlsruhe (KARLSRUHE, S.23).

24 Sitzungsprotokoll, wie Anm. 11.

25 vgl. Kapitel 11.

26 Forsbach legt sein Mandat nieder, "weil er Vorstandsmitglied der Krankenkasse der Klöcknerwerke ist." So steht es im Stadt-Anzeiger, 12.5.33; warum das ein Grund ist, leuchtet nicht ganz ein. Vgl. SZ, 12.5.33.

27 SZ, 11.2.33.

28 SZ, 20.2.33.

29 SZ, 22.3.33.

30 Der Saal Thiesen in der Poststrasse wird überhaupt das von den Nazis bevorzugte Verkehrslokal. Thiesen wird Obmann der Gastwirte im "[NS-] Kampfbund für den gewerblichen Mittelstand" (WB, 3.4. 33). Kreisleiter Hoffstätter legt dem Vorsitzenden des DAG-Werkchores, Prokurist Klefisch (s. Foto im Dokumententeil), im Januar 1934 nahe, von dem "jüdischen" Saal Trösser ("Deutsches Haus") zu Thiesen zu wechseln: Hoffstätter an Klefisch, 27.1.34, in HStAD, LAS 243, Bl.441; zu Frau Trösser siehe unten.

31 SZ, 31.3.33.

32 SZ, 22.6.33.

33 Sitzungsprotokoll vom 21.6.33, in StaT, Protokollbuch 1926-37, S.453 ff.

34 s. Dokumententeil. Ein solcher Vordruck ist Blum und Welter (beide von der Hütte) ausgehändigt worden: Bgm. Söntgen (Menden) an Landrat, 30.6.33, in HStAD, LAS 39, Bl.47.

35 Stadt-Anzeiger, 23.6.33 (StaT, Ortschronik).

36 HOFER, S.60.

37 BRüNING, S.673.

38 RGBl I, S.479; MüNCH, S.74.

39 Stadt-Anzeiger, 1.7.33; SZ, 1.7.33.

40 Stadt-Anzeiger, 1.7.33.

41 SZ, 28.2.33.

42 SZ, 6.3.33 und 14.3.33.

43 BRACHER, Diktatur, S.173; vgl. auch die Resultate von Bonn und Bad Godesberg in BONN, Nr.58, 61 und 74.

44 s. dazu Kra.: Keine Kleinbürger, in FAZ, 24.4.91, über: Richard F. Hamilton, Das Aufkommen des NS, in: U. Kleiner (Hrg.), Verwalten ist Gestalten. Festschrift für Armin Danco, Düsseldorf 1990.

45 SZ, 25.2.33.

46 SZ, 2.3.33.

Valid XHTML 1.0 Transitionalam 12.12.2009.