DER SCHIESSPLATZ ALTENRATH UND DIE WAHNER HEIDE 1938

"Die Heimat für immer verlassen"

Zu den Opfern des Nationalsozialismus im weitesten Sinne gehören auch die Einwohner von Altenrath. Hier soll nun nicht das wechselvolle Schicksal des geplagten Heidedorfes nachgezeichnet werden; das ist in groben Zügen nachzulesen in den Artikeln von HELLMUND und HAAS in den Troisdorfer Jahresheften 1984.

Auch in Altenrath regen sich 1933 die Nazis, aber recht spät: Erst am 25.März - zwei Wochen nach der Gemeindewahl - gründet der aus Köln zugezogene Jakob Wintrich im Saal Hoeck die NSDAP-Ortsgruppe Altenrath1. Er kann gleich 12 Altenrather als Neumitglieder in die Partei aufnehmen. Mehr Erfolg hat aber der "Stahlhelm": Am 1.April kann er 25 Erstaufnahmen verzeichnen2.

Der Zulauf zur NSDAP und die Zustimmung zur neuen Politik sollen sich - so ein ehemaliger Altenrather - in bescheidenen Grenzen gehalten haben; er führt das auch darauf zurück, dass die Pgs. sich vornehmlich aus den in die Waldsiedlung ("Ferkes-Siedlung") zugezogenen Neu-Altenrathern rekrutierten3.

Hauptlehrer Land, der die Schulchronik4 führt und sich zu einem strammen Pg. entwickelt5, verzeichnet zunächst nur die positiven Seiten der Machtergreifung; am 20. August 1933 schreibt er:

In den verflossenen Sommerferien herrschte im Dorf ein frohes Leben. Hitlerjugend und Jungvolk hatten in der Zeit vom 01. bis 20. August auf dem grossen Gelände rechts und links der Alten Kölner Strasse "im Sand" ein grosses Zeltlager aufgeschlagen. Zeitweise betrug die Belegschaft an 2.000 Jungen. Auch die Schulklassen sowie das Gerätehaus waren als Proviantmagazin in Anspruch genommen. Der Gebietsführer sowie der Gebietsjungvolkführer weilten in der ganzen Zeit in Altenrath. 3 Feldküchen dampften dauernd, um die Jungen nach Spiel, Exerzieren und Marschübungen mit kräftiger Kost zu versorgen. Im Verlauf der Lagerzeit kamen Gauleiter Grohé und Standortgruppenführer Prinz August Wilhelm6das Lager besichtigen.7

Und am 15.Februar 1934:

[...] Auch in der Gemeinde [gemeint ist wohl Altenrath] macht sich der Rückgang der Wohlfahrtserwerbslosen gut fühlbar.8

Ein kultureller Höhepunkt in den dreissiger Jahren ist für das Dorf Altenrath die Heimatausstellung im Juli 1934, zusammengetragen und -gestellt von den Lehrern Land und Rohde und dem Sohn des ehemaligen Lehrers Joseph Rademacher, Pg. Dr. Carl Rademacher. Rührend ist der Eifer, mit dem die Dilettanten zu werke gehen und versuchen, die Vor- und Frühgeschichte sachlich und sprachlich in den Griff zu kriegen. Ihre "Einführung in die vorgeschichtliche Abteilung der Heimat-Ausstellung zu Altenrath auf der Heideterrasse", eine kleine Schrift von 9 Seiten, wimmelt von Sach- und Setzfehlern9. Es war - vielleicht unbewusst - der Versuch, den Altenrathern Mut zu machen, ihnen Selbstbewusstsein (zurück-) zu geben, und der Versuch, das Dorf vor dem Untergang zu retten10.

Schon bald nach der Machtübergabe taucht die bange Frage auf: "Was wird aus der Wahner Heide?" So ist ein Artikel im Stadt-Anzeiger11überschrieben, in dem die Eingabe der Gemeinde Troisdorf an "die übergeordnete Behörde" wiedergegeben wird:

[...] Wie hier bekannt geworden ist, soll beabsichtigt sein, das Gebiet des ehem[aligen] Schiessplatzes grösstenteils als Uebungsplatz für die Polizei des Rheinlandes zur Verfügung zu stellen. Wenn dies zutrifft, würde eine Sperrung und Abschliessung des Platzes [...] notwendig werden. Hiergegen muss die Gemeinde Troisdorf entschieden protestieren [...]

Aber Ende August 1933 sperrt die Kommandantur alle nicht öffentlichen Wege in der Wahner Heide - angeblich wegen der Gefahr, die von Heidebränden und Blindgängern ausgeht12. Im Frühjahr 1934 sperrt der Regierungspräsident in Köln ganz die Heide, für die Troisdorfer ist nur noch ein Weg frei: der am Leyenweiher und Röhrichtsiefen vorbei nach Lohmar13. Quasi als Trostpflaster preist der Stadt-Anzeiger ihn als "überaus reizvollen Wanderweg" "durch das schönste Waldgebiet", "hochwasserfrei" und "gut begehbar"14.

Alle Altenrather ahnen Böses, als Wald und Heide für die Bevölkerung gesperrt werden. Am 13.Juli 1935 teilt Bürgermeister Jakobs (Troisdorf) dem Landrat im monatlichen Stimmungsbericht mit:

Die vollständige Absperrung und Umzäunung des bis unmittelbar an den Ort Troisdorf heranreichenden Polizei[!]-übungsplatzes stösst bei der Bevölkerung [in Troisdorf] allgemein auf Unverständnis.

Die Industriebevölkerung sei jetzt ohne Erholungsmöglichkeit, der Einzelhandel spüre das Ausbleiben der Kundschaft aus Altenrath15, da der Zufahrtsweg nach Troisdorf abgeschnitten wurde. Die Absperrung verläuft - von Troisdorf aus gesehen - unmittelbar hinter dem Wald-Café. Dort werden im September 1934 zwei Männer aus dem Ruhrgebiet "wegen Spionageverdachts" festgenommen, bald aber wieder freigelassen16.

Seit Dezember 1933 wird insgeheim die Post, die aus den Niederlanden, Belgien, Frankreich und Luxemburg in Altenrath eintrifft (ebenso die für die Einwohner von Eil, Wahn, Spich, Troisdorf, Lohmar), überwacht. Eine entsprechende Bitte übermittelt die Gestapo Köln dem Landrat "wegen der Nähe des Polizeiübungsplatzes in Wahn"17; Landjäger L. aus Troisdorf wird entsprechend unterrichtet und zur Geheimhaltung vergattert18.

Ohne die Hintergründe zu ahnen oder sie wahrnehmen zu wollen, berichtet der Schulchronist im Mai 1936 von der ersten militärischen Artillerieübung nach dem Kriege im Dorf:

Zwei Haubitzenbatterien 15 cm und 10 cm Kaliber fuhren mit prächtig neuen Geschützen an verschiedenen Stellen im Dorfe in Stellung. Das Herz schlug den alten Soldaten höher! Die Kinder jubelten. Man konnte ungehindert ganz nah an die Geschützstellungen herangehen und das Geschützmanövrieren beobachten. Der altgediente Artillerist bewunderte an den Geschützen besonders die neuartigen praktischen Spreizlafetten. Es war die Tage ein buntes frohes Leben im Dorf.19

Die Altenrather befürchten mit der Absperrung und den übungen noch Schlimmeres: Vertreibung. Die öffnung der Altenrather Strasse im Mai 193620mag den einen oder anderen getäuscht haben: Als aber im August 1936

nach dem Hochamte bei den üblichen Bekanntmachungen auch verkündet wurde, dass das ganze Gebiet der Zivilgemeinde Altenrath bis zur Reichsautobahn für Zwecke der Wehrmacht aufgekauft und dem Schiessplatz Wahneinverleibt werde, kam es doch wie eine Lähmung über die Leute. Denn sie wussten, jetzt heisst es, die Heimat für immer zu verlassen.21

Hauptlehrer Land, der zum 1.April 1937 Leiter der Siegburger Volksschule an der Bonner Strasse wird, erwähnt zum ersten Mal im Februar 1937 die kommende Räumung:

Nachdem bereits seit langem im Dorf das Gerücht umging, Altenrath müsse zum Zwecke der Schiessplatzerweiterung geräumt werden, ist diese langgehegte Befürchtung Wirklichkeit geworden. [...] Schon seit Oktober [1936] haben Aufkäufer einer Reichsumsiedlungsgesellschaft hier ihr Arbeitsfeld. Es gehören hierzu landwirtschaftliche sowie Landsachverständige. Sie besuchen die Bewohner des Dorfes und schätzen die Werte der Bauten sowie der Grundstücke. Sie sind ziemlich wortkarg, die Herren. Die Leute wundern sich darüber nicht wenig.22

Die "Reichsumsiedlungsgesellschaft" (RUG) kauft eine Parzelle nach der anderen. Einige Altenrather leisten hartnäckigen, aber aussichtslosen Widerstand: Hinter der RUG steht nicht der Rechtsstaat, sondern die Diktatur. Die letzten, die sich nicht auf einen Verkauf einlassen, werden schlicht hinausgeworfen23. In der Zeitung erscheinen ein Foto und ein Artikel über eine neue Strasse vom Waldfriedhof um die Wahner Heide herum bis nach Köln (die heutige Heerstrasse)24.

Lands Nachfolger Pg. Rohde berichtet von "bedrückten Herzen" bei der Maifeier 1937 und "sehr gemischten Gefühlen" bei der letzten Kirmes im August 193725. Im März 1938 werden die Schüler26 der Jahrgänge 5 bis 8 auf die Schulen in Lohmar und Scheiderhöhe verteilt. Die Lehrerin Knaup, die die letzte Lehrkraft in Altenrath ist und am Ende 54 Schüler unterrichtet, schliesst die Schulchronik mit folgender Eintragung:

Nachdem nun Altenrath endgültig geräumt wird, fand heute zum letzten Mal Unterricht statt. Die Kinder verlassen die Schule mit dem Bewusstsein, dass sie zwar ihre schöne, alte Heimat auf immer verlassen, aber in der neuen mit frischem Mut und besten Vorsätzen wieder anfangen, um Eltern, Volk und Führer Freude zu machen.

Heil Hitler!27

Aber auch Troisdorfer sind von der Ausweitung des Schiessplatzes unmittelbar betroffen; als Beispiel möge der Fall Engländer dienen:

Frau Engländer, geborene Becker, sitzt am 22.Dezember 1937 in der guten Stube ihres Hauses in der Taubengasse 32 dem Gerichtsassessor Köhn gegenüber. Dieser nimmt ein Protokoll auf, in dem Frau Engländer "zur Abwendung der Enteignung" dem Deutschen Reich, vertreten durch die RUG, ein "Angebot" macht. Sie verkauft drei Parzellen Ackerland, zusammen knapp 2.400 Quadratmeter (heute annähernd die Grundstücke Lohmarerstrasse 62 und 64) zum Preis von ca.0,48 RM pro Quadratmeter: ein unverschämt niedriger Preis auch für damalige Verhältnisse28.


1 SZ, 30.3.33.

2 SZ, 5.4.33.

3 Mündl. Mitt. Fritz Tüttenberg, 23.5.84.

4 "Schul-Chronik der Schule Altenrath", im StaT.

5 Im November 1934 nimmt er an einem "nationalpolitischen Lehrgang" teil, der ihm "zu einem unvergesslichen Erleben nationalsozialistischer Gemeinschaftsarbeit [verhalf]. In froh kameradschaftlichem Zusammenleben, in körperstählendem Sport und Geländedienst und weitem Eindringen in nationalsozialistische Weltanschauung flossen drei[!] Wochen allzu rasch dahin.", aaO, S.65.

6 Sohn Kaiser Wilhelms II., genannt "Auwi", Foto in LORANT, S.218; JANSSEN, S.127.

7 Schulchronik ..., S.63.

8 aaO, S.64.

9 Kopie in der Schulchronik, StaT.

10 Ein Nachgesang auf Altenrath ist die Artikelserie von Irmgard THOMAS im Bonner Generalanzeiger vom 9.7., 6.8. und 17.9.38 in der Rubrik "Unser Land".

11 Stadt-Anzeiger, 4.3.33 und 22.3.33 (StaT, Ortschronik).

12 Stadt-Anzeiger, 29.8.33 (StaT, Ortschronik).

13 RP Köln, Verordnung, in Stadt-Anzeiger, 3.4.34 (StaT, Ortschronik).

14 Stadt-Anzeiger, 5.4.34 und 6.4.34 (StaT, Ortschronik).

15 Bgm. Jakobs an Landrat, Stimmungsbericht, 13.7.35, in ARSK, LSK 3261, Bll.298 f.

16 Bgm. Reinartz an Landrat, 14.9.34, in HStAD, LAS 34, Bll. 290 f.

17 Stapo Köln an Landrat, 22.12.33, in ARSK, LSK 2850, Bl.179.

18 Vermerk von Thiel (?), ebd.

19 Schulchronik ..., S.71; im September 1936 und Januar 1937 wird Land für drei Tage bzw. drei Wochen zum Manöver einberufen: ebd.

20 Stadt-Anzeiger, 7.5.36 (StaT, Ortschronik).

21 Pfr. Bendermacher (Altenrath): Pfarrchronik, nach HELLMUND, Zeuge, S.87.

22 Schulchronik..., S.71 f.

23 Fotos von Häusern der Neu-Altenrather in Troisdorf in TRIPPEN, S.196.

24 Stadt-Anzeiger, 20.5.37 (StaT, Ortschronik).

25 Schulchronik..., S.72 f; s. Foto im Dokumententeil.

26 Zu den Schülern s. Foto im Dokumententeil.

27 Schulchronik..., S.75.

28 Grundakte AG SU, Gemarkung Troisdorf, Artikel 96, S.18 ff; heute kostet ein Quadratmeter Ackerland in Troisdorf zwischen 6 und 8 DM (Auskunft der Fa. Norbert Klein, Siegburg, 14.4.86).

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