Nachträge von 1993

  1. Nachträge von 1993
    1. Die Amtseinführung von Bürgermeister Reinartz
    2. Die SPD
    3. Ein Urteil des Volksgerichtshofs
    4. Denunziationen
    5. Die Sondergerichtsverfahren
    6. Die Juden
    7. Das Vermögen der Juden
    8. Das "Euthanasie"-Programm
    9. Dynamit Nobel AG
      1. Die Verwertchemien Hessisch Lichtenau und Allendorf
      2. Die Zwangsarbeiter allgemein
    10. Die Russin Evdokija M. Golovan
    11. Die Polinnen Joana Makowiak und Janina Mleczak
    12. Die Belgierin Jeanne F.
    13. Der Holländer Bertus Huybregts
    14. Der Franzose André Leclère
    15. Die "Bummelanten"
    16. Die Gräberliste der Zwangsarbeiter

Seit der Veröffentlichung des Buches Troisdorf unter dem Hakenkreuz im November 1986 sind etliche neue Dokumente aus der NS-Zeit aufgefunden worden. Sie werden hier und in dieser Form veröffentlicht, damit sie der interessierten und fachkundigen Leserschaft zugänglich sind - unabhängig davon, ob und wann Troisdorf unter dem Hakenkreuz in einer zweiten, erweiterten Fassung erscheint.

Die Dokumente werden im folgenden chronologisch geordnet in der gleichen Form wie im o.a. Buch herausgegeben. Sie werden in einer Einleitung kurz kommentiert, sofern dies zum Verständnis nötig erscheint.

Die Veröffentlichung ist zustande gekommen dank der Mithilfe vieler Menschen, die bei der Suche geholfen haben oder die dem Herausgeber spontan Unterlagen zur Verfügung gestellt haben. Zusätzlich zu dem Kreis derjenigen, die bereits in Troisdorf unter dem Hakenkreuz genannt wurden, sei folgenden Personen herzlich gedankt (teilweise ein zweites Mal):

ferner

für Hinweise, Hilfe oder überlassung von Dokumenten oder Fotos;

Die Amtseinführung von Bürgermeister Reinartz

Die Rede von Reinartz, einem "alten Kämpfer", ist aufschlussreich, weil sie interessante Akzente setzt. Reinartz gibt sich

Pikant ist allerdings, dass Reinartz später sein Amt verliert, weil Gerüchte in Umlauf geraten, dass er sein Amt zugunsten des Familienbetriebes missbraucht habe.

Die SPD

Nach dem Verbot der Parteien, also auch der SPD, waren die Nationalsozialisten bemüht, an korrekte und aktuelle Namenslisten heranzukommen. Der Zweck mag nicht aktuell begründet sein; "der" Gegner der Nazis war die KPD, die SPD erst an zweiter Stelle. Aber die Sammelwut der Nazis hinsichtlich solcher Daten ist inzwischen bekannt.

Festzustellen bleibt die geringe Mitgliederzahl der SPD, nämlich 24, im Verhältnis zur Wählerschaft: 425. Es überrascht auch, dass in einer so kleinen Gemeinde wie Troisdorf mit rund 10.000 Einwohnern über die tatsächliche Mitgliedschaft in der SPD Unklarheit herrschte.

Der Zahnarzt Licht kann - ob erfolgreich oder nicht, bleibt nach den Akten offen - seine SPD-Mitgliedschaft, die tatsächlich bestand, einigermassen gut widerlegen.

Fast schon vertraut ist die Tatsache, dass die Befehle dazu nicht von einer kommunalen Behörde, die - wenn überhaupt - dann am ehesten dazu befugt gewesen wäre, sondern von einer Parteiorganisation kam; solches ist seit dem sogenannten "Juden-Boykott" vom März/April bekannt.

Die Nazis haben auch rein gar nichts übersehen: Sie greifen nach den Musikinstrumenten der Hütter SPD- oder Reichsbanner-Musikkapelle und ihren Noten. Nach einem Vordruck des Regierungspräsidenten hat - vermutlich - die Polizei bei Johann Blum alles abgeholt.

Frau Kr. und ein unbekannter Helfer haben einen beklemmenden Brief an Landrat Buttlar geschrieben; die Wahrheit ist mit Sicherheit geschönt worden. Aus dem Prozess gegen Albert, ihren Mann, und Heinrich Z. wissen wir, dass die beiden forsch und verwegen gewesen sind, gewiss nicht naiv (siehe Troisdorf unter dem Hakenkreuz, S.33).

Ein Urteil des Volksgerichtshofs

Das Urteil ist - bis auf die Erörterung über das Strafmass - vollständig abgedruckt. Die beiden Verurteilten leben nicht mehr; Peter Ka. ist erst kürzlich verstorben.

Die Ermittlungen sind wahrscheinlich korrekt, wenn auch unvollständig. Es ist zu vermuten, dass der Kreis der Eingeweihten grösser als vier oder fünf Personen gewesen ist. Die Angeklagten haben vermutlich den Schaden begrenzen und andere Beschuldigte aus dem Kreis der Verdächtigen ausschliessen können.

In der Sache gab es meist nichts zu deuteln. Man hatte sich tatsächlich getroffen; und dass man über das Wetter gesprochen habe, nahm den Kommunisten oder Sozialdemokraten die Polizei gar nicht erst ab, meist auch nicht das Gericht.

Auffallend ist der Dilettantismus, mit der die jungen Leute versuchten, so etwas wie Widerstand gegen die Nazis aufzubauen. Da die "alten" Genossen zu der Zeit meist in Schutzhaft sassen, verwundert die Naivität der "jungen" aber weniger.

Auch dem Urteil ist nichts zu entnehmen über die angeblich unklare Rolle, die Margarete Ke. gespielt haben soll: Sie soll - ob wissentlich oder nicht - die Runde verraten haben. Das gleiche Strafmass für beide in Höhe von 2,5 Jahren spricht eher gegen eine "Mitschuld" von Margarete Ke.

Eine kurze Bemerkung zu der "Kölner Kontroverse"1 oder allgemeiner gesagt: Welchen Wahrheitsgehalt haben Dokumente, die von den Nazis hergestellt worden sind?

Denunziationen

Wenig erforscht, vor allem wenig systematisch erforscht ist der Bereich "Denunziation". In Troisdorf unter dem Hakenkreuz waren die entsprechenden Fälle behandelt worden unter der Rubrik NS-Justiz. Dabei waren alle sieben Fälle überhaupt nur Gegenstand von Strafverfahren geworden, weil die Beschuldigten ohne Not von Mitmenschen bei der Polizei angeschwärzt worden waren. Auch Bertus Huybregts und Jeanne F[...], die erstmals hier vorgestellt werden, sind denunziert worden.

Neu in der Literatur ist der Begriff "Judasfrauen", nach dem Buch von Helga SCHUBERT (Judasfrauen. Zehn Fallgeschichten weiblicher Denunziation im Dritten Reich, München 1992, dtv 11523). Sie hat in eindrucksvoller Weise die Charakterprofile jener verhängnisvollen Frauen gezeichnet, die andere Menschen in den Tod geschickt haben. Dass ein Mensch einen anderen dem Henker ans Messer liefert, kann doch nur mit abgrundtiefem Hass, Neurosen oder intellektueller Minderausstattung - oder allen dreien - erklärt werden.3

Die Sondergerichtsverfahren

Dies ist zunächst nur eine Liste der Verfahren, die vom Herausgeber aus der Kartei des Hauptstaatsarchivs Düsseldorf zusammengestellt worden ist. Es ist damit nichts ausgesagt, ob Urteile ergangen sind, und wenn ja, mit welchem Strafmass. Einzelne Verfahren waren schon vorher bekannt (Margarete Ke., Käthe W., Odenthal u.a.) und sind auch in Troisdorf unter dem Hakenkreuz dargestellt. Andere sind vom Herausgeber stichprobenartig durchgesehen worden im Hinblick auf Sonderrechtsprechung gegen Ausländer; das Verfahren gegen Bertus Huybregts ist unten abgehandelt.

Insgesamt kann diese Liste heute als "Who's who" des Troisdorfer Widerstandes angesehen werden. Die meisten Vergehen - wenn sie denn bewiesen worden sind - waren nur zwischen 1933 und 1945 strafbar: z.B. "Abhören Moskauer Sender" (1934), "Staatsfeindliche äusserungen " (1942), "Heimtücke". Deswegen sind die Namen auch nicht unkenntlich gemacht worden.

Andere Beschuldigungen (Mordversuch, Unzucht, Verleumdung, Unterschlagung) lassen eine "normale", d.h. unpolitische Kriminalität vermuten, die es in jenen 12 Jahren ja auch gegeben hat. Dass aber andererseits Mord in einem Terror-Regime moralisch anders bewertet werden kann als in einem Rechtsstaat, zeigen die Vorgänge um die Hitler-Attentäter, z.B., die vom 20.Juli 1944.

Solange diese Fälle historisch noch nicht geklärt sind, bleiben die betreffenden Namen anonym.

Die Juden

Die Liste von 1846 kann nur vorläufig ausgewertet werden: Alle Personen aus den heutigen Troisdorfer Stadtteilen sind (familienweise) zusammengefasst; die Zahl erscheint mit 79 recht hoch. Sofern Berufe oder Tätigkeiten verzeichnet sind, handelt es sich (bis auf eine Ausnahme) um wenig hochstehende Tätigkeiten: Tagelöhner, Handelsmann, Fleischer. Die Ausnahme ist der Künstler Seligmann Ullmer aus Bergheim, über den weiter nichts bekannt ist.

Die (angenommenen) Namen sind vertraut: Auch 1933 wohnen Familien mit Name Hirsch, Sommer, Weingarten, Marcus, Falkenstein und Levy in Troisdorf (heutige Grenzen). Das lässt - in dem auch sonst üblichen Rahmen - auf Bodenständigkeit schliessen.

Bei seinem Besuch in Troisdorf im September 1987 hat Herr Norbert Cahn die beiden Postkarten mitgebracht. Die Verzweiflung ist in diesen beiden Dokumenten spürbarer als in denen von Erich und Rosa Marx (Troisdorf unter dem Hakenkreuz, S.100). Aus den Informationen ("Heute Montag geht unser Transport ab." o.ä.) muss gefolgert werden, dass die Eltern Cahn wie die meisten anderen Troisdorfer Juden in Maly Trostinez ermordet worden sind.

In dem Band "Juden in Stommeln, Teil 2" hat Josef WISSKIRCHEN eine neues Buch zu Maly Trostinez/Trostinec/Trostenez vorgestellt: WANJKEWITSCH, Alla Georgiejewna: Exkursion nach Trostenez, Minsk 1986. Darin heisst es u.a.:

Vom Frühjahr 1942 an wurden zweimal in der Woche, in der Regel dienstags und freitags, Bürger aus dem Ausland zur Vernichtung nach Trostinec gebracht - aus österreich, Polen, Tschechoslowakei, Frankreich, Deutschland. Manchmal kamen die Deportationszüge auf dem Bahnhof Minsk an, viel öfter aber brachte man die Häftlinge auf einer besonderen Gleisstrecke ganz nahe an Trostinec heran. Gewöhnlich geschah es um 4-5 Uhr morgens. Die Ankömmlinge wurden auf einem Platz gesammelt, man nahm ihnen die Sachen ab und stellte zur Beruhigung eine Quittung aus, die die zum Tode verurteilten Menschen davon überzeugen sollte, dass sie nur umgesiedelt würden. Mit Sorgfalt wurden einige ausgesondert: Elektriker, Schlosser, Schreiner, Schneider, Schuster, kurz gesagt all die, die noch nützlich sein konnten. Sie wurden ins Lager gebracht, die anderen wurden vernichtet.

Auch wenn Oskar Hoffmann auf seiner Postkarte schreibt: "Wie ich gerade höre, besteht eine gewisse Möglichkeit, dass wir in hiesigen Betrieben in unseren Berufen arbeiten können." (Troisdorf unter dem Hakenkreuz, S.101), sind wohl alle Troisdorfer Juden sofort ermordet worden und nicht mehr in das eigentliche Lager hineingekommen. Eine Ausnahme könnte nach den o.a. Kriterien Erich Marx gewesen sein: Er war Metzger. Oskar Hoffmann war Fotograf ...

Die Erschiessungen, von denen der SS-Mann Arlt spricht, fanden in dem Wald von Blagowtschina statt, 4 km vom Lager entfernt. Dort wurden auch die Leichen verscharrt, die in den beiden Gaswagen aus Minsk-Stadt, Schirokajastrasse, ermordet wurden.

Die Fotos aus Maly Trostinez sind 1944/45 gemacht worden; es sind heute Ausstellungsstücke im Museum der Stadt Minsk. Wegen der schlechten Qualität der Reproduktionen ist die Aussagekraft der Fotos gering. Einzig auf dem Foto Nr.6 ist eindeutig ein Schädel zu sehen. Ansonsten ergibt nur der Zusammenhang mit Foto Nr.1 und 2 eine halbwegs glaubhafte Aussage.

Damit soll nicht die Tatsache der Ermordung von Juden in Maly Trostinez bezweifelt werden, sondern nur auf die schwierige Beweislage aufmerksam gemacht werden, die selbst in den Fällen anzutreffen ist, in denen jemand (hier wohl die Rote Armee) offensichtlich Beweise fotografisch festhalten wollte. Exakte, zeitgenössische Bestandsaufnahmen wie z.B. in Belzec (Troisdorf unter dem Hakenkreuz, S.95 f) waren wohl sehr selten.

Das Vermögen der Juden

Darüber ist in Troisdorf unter dem Hakenkreuz schon einiges gesagt worden. In den neuen Dokumenten wird noch einmal deutlich, wie das Vermögen (bewegliches und unbewegliches) der Juden innerhalb Troisdorfs verwertet wurde.

Noch während die Juden in ihren Häusern wohnen, melden sich schon die ersten Interessenten bei der Gemeinde. Einer von ihnen weiss bereits, dass "demnächst die Ausweisung der Juden" erfolgt. Ein anderer kann den Namen von Alfred Pins noch nicht einmal richtig schreiben ("Binz"), obwohl er nur ein paar Häuser weiter wohnt und schon seit Jahren Nachbar ist.

Auch in der Wortschöpfung ist man recht ungeniert: Man spricht von "Juden-Möbeln", "Judenhäusern" oder dem "Judengarten Sommer", als wären es besondere Möbel, Häuser oder Gärten.

Kleinlich ist man in anderen Dingen: Die Beeren, Kirschen und äpfel (vermutlich) in Sommers grossem Garten (ca. 600 m5), Bergstrasse 17, dürfen nur mit doppelter Genehmigung (Finanzamt und Gemeinde) von dem Nachbarn Karl Klein gepflückt werden; ihm wird der "Hauptanteil" überlassen. Karl ist auch an dem Haus interessiert, kommt aber nicht zum Zuge, da das Finanzamt an W.R. vermietet.

Aus dem Mietvertrag kennen wir auch die Zimmerverteilung und können die Wohnverhältnisse der Juden in den letzten Monaten rekonstruieren. Spätestens ab 1.September 1941 haben dort gewohnt:

Sommer (Eigentümer), 2 Personen 1 Zimmer

Pins 2 Personen 1 Zimmer Erdgeschoss

Marx 2 Personen 2 Zimmer Erdgeschoss, Obergeschoss

Meier 3 Personen 1 Zimmer

[Summe:] 9 Personen 5 Zimmer

In einem der Zimmer war auch die (einzige) Küche.

Das "Euthanasie"-Programm

Dies sind zwei seltene Dokumente, die auf Anhieb einen Mord nach dem "Euthanasie"-Programm beweisen, und zwar zu einem frühen Zeitpunkt. Denn:

Wenn das Todesdatum 19.2.1941 stimmt - was bezweifelt werden darf -, dann ist sie am selben Tag wie die Brüder Kurt und Herbert vergast worden. Diese beiden Troisdorfer kamen aus Waldbreitbach über die Anstalt Herborn nach Hadamar.

über Magdalena sind noch nicht alles ermittelt worden. Die bisher bekannten Daten weisen darauf hin, dass Magdalena 1914 geschieden wurde, dass sie in demselben Jahr in eine Anstalt eingewiesen wurde und dass die Familie anschliessend erst nach Troisdorf umzog. Dass ihr 1899 geborener Sohn in Troisdorf ihre Beisetzung beantragt, muss noch nicht heissen, dass sie zu den "rheinischen" Patienten gehörte, die nach bisherigem Wissensstand erst später in Hadamar ermordet wurden. Der gemeinsame Geburtsort von A[...] und Magdalena, Lahnstein, lässt eher die "hessische" Schiene vermuten, die wohl ganz über Herborn lief.

Mit Magdalena, die selber wohl nie in Troisdorf gewohnt hat, würde sich die Zahl der bekannt gewordenen "Euthanasie"-Opfer aus Alt-Troisdorf auf sieben erhöhen. Unbekannt ist weiterhin die Zahl der zwischen 1933 und 1945 Zwangssterilisierten.

Dynamit Nobel AG

Die Mehrzahl der Dokumente ist seit den Nürnberger Prozessen gegen deutsche Industrielle bekannt; in der Zwischenzeit waren sie wohl in Vergessenheit geraten. Sie beleuchten ansatzweise die Rolle der DAG in der Kriegsrüstung; letzte Antworten können sie aber auch nicht geben.

Zunächst soll das sogenannte Montan-Schema erläutert werden:

Das Oberkommando des Heeres (OKH) beauftragt die DAG, eine Rüstungsfabrik in X zu bauen. Sobald die Fabrik fertig ist, beauftragt die zivile "Tochter" des OKH (die "Montan") die Tochter der DAG ("Verwertchemie"), in und mit diesen Anlagen Sprengstoff herzustellen. M.a.W.: Weder die (IG-Farben-Tochter) DAG noch das OKH oder das Reich erscheinen in den Geschäftsbüchern, Bilanzen oder Steuerlisten, auf Lieferscheinen oder Rechnungen. Für die öffentlichkeit, d.h. auch für das Ausland, befassen sich nur zwei Firmen mit nichtssagenden Namen und harmlosen Firmensitzen "Verwertungsgesellschaft für Montanindustrie (München)" oder "Gesellschaft mit beschränkter Haftung zur Verwertung chemischer Erzeugnisse (Troisdorf)" mit Sprengstoff.

Im einzelnen:

< Aus den Verträgen und den Aussagen geht eindeutig hervor, dass sich die Firmen in erster Linie von betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten leiten liessen. Das unternehmerische Risiko z.B. haben die hier in Frage kommenden Firmen auf das Reich abgewälzt, die Gewinne aber einbehalten.

< Allen Beteiligten war schon weit vor dem 1.September 1939 - dem tatsächlichen Kriegsbeginn - völlig klar, dass für den Krieg gerüstet werden sollte.

Es war gewiss eine Symbiose von Reich/NS und Rüstungsindustrie, d.h. ein Zusammengehen zu beiderseitigem Vorteil. Stellenweise aber hat der Leser den Eindruck, als hätte die Industrie der Wehrmacht alle Vertragsbedingungen diktiert.

Ein Zeitzeuge, Peter Grille, bewertet die Vorgänge heute anders:

Der gesamte Komplex "Sprengstoffproduktion" war von den Nazis zu einer "nationalen" Aufgabe der chemischen Industrie gemacht worden. Verdient hat die DAG am Aufbau, nicht (über die Verwertchemie) am Betrieb der Anlagen.

< Die DAG ist voll verantwortlich für die Vorgänge in der "Verwertchemie": Das zeigen die Verträge und die Aussagen deutlich. Sogar um die Unterkünfte von Hessisch Lichtenau kümmert sich die DAG. Das bestätigt der Zeitzeuge - jedenfalls für die Zeit bis 1943. Die DAG hat der Verwertchemie in allem zugearbeitet, der DAG-Vorstand hat de facto - nicht de iure - alle Verwertchemien gesteuert.

< Die "Gesellschaft zur Verwertung chemischer Erzeugnisse" bestand eigentlich nur aus dem Büro des Geschäftsführers. De facto war sie völlig unselbständig und abhängig von der "Mutter" DAG.

< Die ArbeiterInnen wurden von den Betrieben angefordert, und nicht - wie vereinzelt behauptet - ihnen gegen ihren Willen aufgezwungen. Jegliche Produktion war nur mit einer ausreichenden Zahl von Arbeitskräften aufrecht zu erhalten. Bei dem kriegsbedingten Mangel an deutschen Arbeitskräften war logisch, dass die Betriebsführer jede(n) nahmen, der/die nur annähernd arbeiten konnte. Rücksichtnahme, Fürsorge, Menschlichkeit hatten damals noch weniger Platz als in den Jahren zuvor: "wegen der intensiven Gelbfärbung ist eine Belästigung ... nicht zu vermeiden." (Schindler)

Diese Rechtsfragen könnten u.U. noch wichtig werden bei der Frage der Altlasten auf den und neben den Betriebsgeländen der Verwertchemien.

Die beiden Firmen Hüls Troisdorf und Dynamit Nobel haben im Mai 1993 den drei ehemaligen Zwangsarbeitern(innen) Janina Banas, Bertus Huybregts und Joanna Przybyla auf Anregung des Heimat- und Geschichtsvereins Troisdorf eine Werksbesichtigung arrangiert und ihnen einen Empfang gegeben. Herr Huybregts hat seine ehemalige Arbeitsstätte (die Werkstatt der Technischen Abteilung der Züfa) wiedererkannt; Frau Banas hat die Gebäude erkannt, zu denen sie damals - 1944 - mit ihrem Botenfahrrad gefahren ist.4

Die Beurteilung der Lage der Zwangsarbeiter(innen) ist nach den Besuch der Drei, durch spätere Gespräche mit M. Leclère und Telefonate mit Mme. F. nicht einfacher geworden5. Während Frau Golovan, M. Huybregts, Mme. F. und Tonino Guerra6 von harter körperlicher Arbeit, Not, Verfolgung und Hunger berichten, stehen bei anderen Hunger, Heimweh, aber auch Freizeitgestaltung und Unabhängigkeit im Vordergrund. Abgesehen von M. Huybregts, der im Betrieb von einem Kollegen denunziert worden ist, und Mme. F., die möglicherweise verleumdet worden ist, erzählt niemand von Misshandlung, Folter oder vergleichbaren Verbrechen. Ein Handikap bleibt die geringe Anzahl der ausländischen Zeitzeugen (sieben) im Verhältnis zur Gesamtzahl (2.000 bis 3.000) in Troisdorf und Sieglar.

Mit Rücksicht darauf lässt sich folgendes sagen:

In so kleinen Orten wie Troisdorf und Sieglar bewegte sich die Behandlung der "Fremdarbeiter" nicht durchgängig in einem Klima der Boshaftigkeit und des Sadismus, wohl aber der ruppigen Geringschätzung, soweit es die offiziellen Stellen anging. Freundliches Verhalten, Unvoreingenommenheit und Mitgefühl gegenüber "dem" Italiener oder "dem" Russen waren eher typisch für den Personenkreis der Kollegen und Nachbarn, den Menschen auf der Strasse. Mündliche Mitteilungen älterer Troisdorfer(innen) an den Herausgeber, die von einem guten Verhältnis zu den Ausländern sprechen, sind nicht deshalb unglaubwürdig, weil es nicht in das - möglicherweise nur literarische - Schema der Menschenverachtung passt. Wahrscheinlich muss die Geschichtsforschung zur Kenntnis nehmen, dass es kein einheitliches Verhaltensmuster - sei es positiv oder negativ - gegenüber den Ausländern gab, dass auch kein Muster überwiegt.

Bei negativen Darstellungen der Lage der Ausländer ist zu prüfen, ob es sich um die Wiedergabe von Anweisungen des NS- oder Arbeitsbehörden, Firmen oder sonstigen Machthabern handelt - solche Texte sind oft von Brutalität und Menschenverachtung gekennzeichnet - oder um Erlebnisberichte von Ausländern oder Deutschen. Darin ist die Vielfalt so gross, dass sich eine Pauschalisierung - im Guten wie im Bösen - verbietet.

Die Verwertchemien Hessisch Lichtenau und Allendorf

Hessisch Lichtenau: Aufbau und Produktion

Die "Fabrik Hessisch Lichtenau der Gesellschaft mit beschränkter Haftung zur Verwertung chemischer Erzeugnisse" (Verwertchemie Heli) wurde zwischen 1936 und 1938 von der DAG im Auftrag des OKH geplant und für 100 Mio RM gebaut. Eigentümerin der Fabrik war allerdings die reichseigene "Montan Industriewerke GmbH"; die Verwertchemie Heli war anschliessend nur Betreiberin. Hergestellt wurden in Hessisch Lichtenau, genauer in dem Ortsteil Hirschhagen, zwei Sprengstoffsorten: Trinitrotoluol (TNT) und Trinitrophenol (Pikrinsäure). Im Geschäftsjahr 1938/39 wurden 5.479 Tonnen TNT produziert, vier Jahre später 29.170 Tonnen7; die Produktion von Pikrin stieg von 156 Tonnen (1939/40) auf 2.074 (1944/45); "damit gehörte das Werk zu den drei grössten Sprengstoffabriken in ganz Deutschland."8

Beschäftigte

Die Zahl der Beschäftigten stieg von rund 750 (April 1939) auf fast 4.400 (Anfang 1945). Zunächst waren es Arbeitskräfte aus der Umgebung; nach Kriegsbeginn waren es in zunehmendem Masse Ausländer aus Belgien, Bulgarien, Frankreich, Italien, Niederlande, Polen, UdSSR, Spanien, CSSR und Ungarn9; im Jahre 1944 kamen Strafgefangene und 150 KZ-Häftlinge dazu. 1939 war etwa 1/7 der Beschäftigten Frauen, gegen Kriegsende mehr als die Hälfte. Anfang August 1944 erhielt die Verwertchemie Heli 1.000 weibliche KZ-Häftlinge, meist ungarische Jüdinnen, von Auschwitz zugewiesen. Die Arbeit in Hessisch Lichtenau wurde als "leicht" eingestuft (1941 waren unter den 3100 Beschäftigten 1350 Frauen), war aber wegen der Chemikalien und Sprengstoffe lebensgefährlich: "Vom April 1943 bis März 1944 wurden [...] 149 Beschäftigte von drei Explosionen zerfetzt."10

Die weiblichen KZ-Häftlinge

Anfang August 1944 wurden der Verwertchemie Heli 1.000 Zwangsarbeiterinnen, meist ungarische Jüdinnen, aus Auschwitz zugewiesen; sie waren von der Firma angefordert worden. Ihr Alter lag zwischen 13 und 49 Jahren11. Die Frauen wurden dem KZ Buchenwald unterstellt. Untergebracht waren sie in einigen Holz-Baracken des "Lagers Vereinshaus"12. Das gesamte Lager hatte Platz für ca. 700 Personen; vorher hatten dort deutsche und ausländische Bauarbeiter gewohnt. Der KZ-Teil wurde von der SS bewacht. Die Fabriken waren drei bis fünf Kilometer vom Lager entfernt.

Die Lebensbedingungen13 im Lager waren katastrophal und nur in den ersten Tagen besser als in Auschwitz. Die Frauen arbeiteten durchschnittlich 60 Stunden pro Woche, normalerweise 10,5 Stunden täglich, von 6 bis 17 Uhr, mit einer Mittagspause von 11.30 bis 12.00 Uhr; hinzu kam noch der Hin- und Rückweg von zwei bis vier Stunden. Die Frauen mussten

< Sprengstoff herstellen,

< auf dem Fabrikgelände und im Wald aufräumen,

< Eisenbahnwaggons be- und entladen,

< Erd- und Bauarbeiten verrichten,

< eine Wasserleitung verlegen.

In den Füllstationen mussten die Frauen TNT in Granaten, Bomben und Tellerminen einfüllen. Sie atmeten dabei die giftigen Nitro-Dämpfe ein, die in kurzer Zeit Haut und Haare gelb färbten14 und Leber und Lunge schädigten. Fünf Zwangsarbeiterinnen sind nach NS-Dokumenten gestorben, vielleicht aber auch mehr. Bei der Arbeit in der Verwertchemie Heli waren die Jüdinnen ständigen Schikanen und Misshandlungen ausgesetzt; später gaben sie an:

< Ein Vorarbeiter habe eine Jüdin vergewaltigt und geschlagen,

< die Zivilisten hätten sie ständig zur Arbeit angetrieben,

< ein Vorarbeiter habe sie tyrannisiert,

< ein Vorarbeiter habe einer Jüdin mehrmals befohlen, menschliche Exkremente auf dem Fabrikgelände einzusammeln,

< die Deutschen hätten ihnen sinnlose Arbeiten aufgetragen (Steine hin und her zu transportieren),

< eine Jüdin habe weiter arbeiten müssen, obwohl ihr eine Granate auf den Fuss gefallen war.

Die Verwertchemie Heli zahlte für die "Häftlingshilfsarbeiter" an die SS pro Häftling und Tag vier RM; im November 1944 belief sich die Summe auf 79.596 RM15; die Häftlinge selber erhielten keinen Lohn. Ende Oktober 1944 schickte die Verwertchemie Heli 206 erschöpfte und/oder kranke Frauen nach Auschwitz-Birkenau zurück  - in die Gaskammer. Am 29.März 1945 wurden die Frauen von der SS aus Hessisch Lichtenau weggebracht; es beginnt eine der typischen "Todesmärsche", dem noch viele Frauen zum Opfer fallen. Am 25. April 1945 werden sie schliesslich von der US-Army befreit.

Allendorf: Aufbau und Produktion

Die Errichtung von Verwertchemie All erfolgte nach den gleichen Schema wie in Hessisch Lichtenau16. Hier begann die Produktion 1941. Im Sommer 1944 wurden monatlich ca. 6.000 t Tri und über 10.000 t Schwefelsäure produziert17. Auch in Allendorf wurden neben deutschen Arbeitskräften Westarbeiter, Polen, Ostarbeiter und KZ-Häftlinge eingesetzt. Im Jahre 1944 arbeiteten in Allendorf zwischen 330 und 410 deutsche Angestellte18; die Zahl der deutschen Arbeiter steigt von 1.544 (Januar) fast kontinuierlich bis auf 1.939 (Dezember), ähnlich die Zahl der ausländischen Arbeiter von 1.105 (Januar) bis 1.237 (Juli). Im August erhöht sich die Zahl der Ausländer um fast 1.000 und erreicht im Dezember fast 2.500. Diese Steigerung ist zurückzuführen auf die knapp 1.000 weiblichen KZ-Häftlinge, Jüdinnen aus Ungarn, die vom KZ Buchenwald aus Auschwitz nach Allendorf überstellt wurden.

Ausländische Arbeiter

Untergebracht waren die ausländischen Arbeiter in mehreren Lagern: "Niederklein", "Falkenhahn", "Draussmühle", "Scheidfeld", "Hofwiese", "Kirchhainer Weg", "Münchmühle", "Allendorfer Höhe", "Am Teich" und "Steinbruch"19. Die Lebensbedingungen der Ausländer waren grauenvoll: Unterernährung und schlechtes Essen, Prügel, Arbeitshetze, überbelegung und mangelhafte Hygiene in den Baracken waren in Allendorf wie allenthalben im Deutschen Reich der Alltag der Ausländer. Die Gerichte verhängten drakonische Strafen wegen "Arbeitsbummelei"; die Behörden versuchten vergeblich, die "Bettelei" der Ausländer abzustellen.

Am 18.August 1944 kamen die 1.000 Jüdinnen aus Auschwitz in Allendorf an; sie wurden in einen besonderen Abschnitt des vorher von Zwangsarbeitern belegten Lagers "Münchmühle" gebracht. Die Altersstruktur der Allendorfer Jüdinnen war vergleichbar denen in Hessisch Lichtenau: zwischen 14 und 52 Jahren bei einem Durchschnittsalter von 26 Jahren20. Die Arbeitszeit war wie in Hessisch Lichtenau, ebenso die Bedingungen der schweren und gefährlichen Arbeit. Am Abend des 26.März 1945 begann der Todesmarsch für die Allendorfer Jüdinnen: Fusstritte, Prügel und Erschiessungen durch die SS auch hier. Mindestens 20 Frauen sollen erschossen worden sein21. Schon zwei Tage später werden sie in Ziegenhain von der US-Army befreit.

Die Zwangsarbeiter allgemein

Die ArbeiterInnen aus dem Osten Europas (Polen, Russen, Ukrainer usw.) haben in weiten Teilen der deutschen Wirtschaft mehr Probleme gebracht als dass sie den Arbeitsmarkt entlastet hätten. Die Probleme lagen teils in objektiven Tatsachen begründet (schlechte Versorgung, geringe Arbeitsleistung), teils in der Art und Weise, wie Deutsche diese Phänomene einordneten und bewerteten ("widerspenstige polnische Arbeitskräfte", "disziplinlos", "aufreizend"). Vorurteile spielten dabei sicher eine grosse Rolle.

Reaktionen seitens der ausländischen Arbeiter sind für Troisdorf kaum überliefert, schriftliche Erinnerungen sind kaum zu bekommen. Das hat viele Gründe, u.a. auch den, dass die sowjetischen ArbeiterInnen nach ihrer Rückkehr in die UdSSR mit grossen Unannehmlichkeiten rechnen mussten, ja sogar mit Verfolgung durch den KGB und mit dem GuLag: Man lese dazu - wenn auch auf einen Kriegsgefangenen bezogen - das Buch von Tschingis AITMATOV: Ein Tag länger als das Leben, München 1981, Seite 127 ff und Seite 244 (zuerst erschienen in "Nowyj Mir" 1980).

Die Russin Evdokija M. Golovan

Ihr Lebenslauf ist beredt genug. Durchaus typisch gerade für osteuropäische Arbeiter(innen) ist, dass sie den Namen des Unternehmens und auch den Ort nicht genau wusste.

Die Polinnen Joana Makowiak und Janina Mleczak

Die beiden polnischen Mädchen (Jahrgang 1928 und 1927) waren offensichtlich aufgeschlossener als die Russin. Vor allem Janina Mleczak, heute Frau Banas, stellte bei ihrem Besuch 1993 ihre unverminderte Kontaktfreudigkeit unter Beweis. So hat sie 1944 auch relativ schnell den Job einer Botin in der Züfa bekommen: Mit dem Fahrrad fuhr sie Post im Betrieb aus, war dadurch relativ frei und kam mit vielen verschiedenen Deutschen ins Gespräch. Sie war es auch, die das "P" - den Aufnäher auf der Kleidung - beim Spaziergang vom Lager Mülheimer Strasse22 nach Troisdorf hinein schnell abnahm und versteckte.

Die Belgierin Jeanne F.

Die (deutsche) Ehefrau wollte ihren Mann, weil er - angeblich - ein Verhältnis mit einer jungen Belgierin hatte, in den sicheren Tod schicken: Denn das hätte es bedeutet, wenn er im September 1944 noch eingezogen worden wäre. Man sehe noch einmal auf das bei "Denunziation" Gesagte!

Von einem Liebesverhältnis wissen wir nur aus den Behauptungen der Ehefrau. Es gibt keinen weiteren Beweis, dass tatsächlich ein solches existiert hat. Was die Ehefrau gemacht hat, war entweder fahrlässig dumm, oder sie wollte ihren Mann aus irgendeinem Grunde loswerden - dann ist ihre Behauptung eine Verleumdung der jungen Belgierin (und ihres Ehemannes natürlich).

Frau F. lebt heute in der Nähe von Brüssel. Sie hat 1993 die Einladung des Heimat- und Geschichtsvereins, Troisdorf zu besuchen, nicht angenommen; sie habe "zu schlechte Erinnerungen an Deutschland."

Der Holländer Bertus Huybregts

Bertus Huybregts hat am Arbeitsplatz laut am Sieg der Deutschen gezweifelt, ein Kollege (und Parteigenosse) hat ihn daraufhin verpfiffen. Ein halbes Jahr Untersuchungshaft im Klingelpütz: Dort erst hat er Deutsch gelernt, dort hat er von Hinrichtungen im Klingelpütz gehört, dort ist er unter 50 kg abgemagert. Die Strafhaft verbüsste er in Wittlich; anschliessend musste er nach Troisdorf zurück.

Als junger Mann von ca. 20 Jahren hatte er in Breda (NL) als Dreher bei der schwedischen Firma Ericsson gearbeitet, von dort wurde er zwangsweise nach Deutschland geschickt. Nach der Haft gab er beim Arbeitsamt Siegburg an, er sei Automechaniker - mit dem Hintergedanken, dass Automechaniker kaum in grosse Betriebe vermittelt werden könnten. So kam er auch tatsächlich zu Opel Kümpel an der Frankfurter Strasse. In diesem Betrieb genoss er tatsächlich die erhoffte Freiheit, auch wenn der Seniorchef ein kantiger Mensch war. Bertus Huybregts wohnte bei einer Familie in der Strasse "Im Grotten"; bei dieser Familie war ein Zimmer frei geworden, als die Tochter 1941 bei einem Unglück in Bonn ums Leben gekommen war23.

Die Befreiung Troisdorfs durch die US-Army und die folgenden Tage hat M. Huybregts in schlechter Erinnerung. Die GIs haben ihn - und andere Ausländer - zunächst schlecht behandelt: ohne Essen auf dem Siegburger Marktplatz interniert und verdächtigt wegen seiner guten Deutschkenntnisse und seines geringen Alters.

Der Franzose André Leclère

André hat vom 11.Februar 1943 bis zum 16.April 1945 bei der DAG gearbeitet. Er stammt aus einem kleinen Dorf im Departement Aisne, wo er auch heute noch wohnt. Die Dynamit Nobel hat ihm auf Anfrage am 4.April 1986 bescheinigt, dass er vom 18.Februar 1943 bis zum 29.Januar 1945 bei der DAG gearbeitet hat, und zwar zum Tariflohn der deutschen Arbeiter.

André war im Februar von dem "Service du travail obligatoire" (STO, = Zwangsarbeitsdienst) aufgefordert worden, binnen drei Tagen sich zur Verschickung nach Deutschland bereit zu halten. Er und 12 weitere Arbeitskollegen wurden von einer Papierfabrik in Rougeries (Dep. Aisne) abgezogen.

Bei der DAG arbeitete André in dem Vulkanfiber-Betrieb an Plattentrocknern und hydraulischen Pressen, die die Feuchtigkeit aus dem Rohmaterial herauspressten. Aus dem Vulkanfiber wurden Flugzeugflügel hergestellt.

André hat im Betrieb zu Mittag gegessen; er besitzt noch heute eine Essenskarte vom Dienstag, dem 19.12.1944 (Nr. 1685, "Essen Vulkanfiber D.A.G. Kontrolle") mit dem Zusatz "Schwer". Gewohnt hat er in den Baracken an der Mülheimer Strasse. Auch er bestätigt, dass das Russenlager besonders abgetrennt war, allerdings nur durch Maschendraht, nicht durch Stacheldraht, wie die Polinnen berichteten. Eine Unterhaltung mit den Russen war möglich.

Die Franzosen genossen offensichtlich beträchtliche Freizügigkeit: Die Fotos aus Königswinter und die Amicale Siegburg-Troisdorf weisen darauf hin. Ausserdem besitzt André noch einen "Urlaubs-Schein" der "Dynamit-Actien-Gesellschaft / Ausländer - Lager" vom 19.11.1944, wonach ihm an diesem Tag Ausgang bis zur Dunkelheit erlaubt war. In einer Gaststätte in Spich an der Hauptstrasse hat er z.B. ganz offen mit Deutschen Bier getrunken.

Die "Bummelanten"

Die Nazis haben u.a. auch "Krieg" gegen das eigene Volk geführt. Die Kriegsproduktion erforderte natürlich eine völlig durchdisziplinierte Belegschaft. Diese Arbeits- und Lebensbedingungen - ganz abgesehen von den Beeinträchtigungen durch den Luftkrieg - haben trotzdem wenig Einfluss auf das Geschichtsbewusstsein der Durchschnittsdeutschen gehabt. Als "schlechte Zeit" galt bei vielen die Periode von 1945 bis ca. 1950.

Die Gräberliste der Zwangsarbeiter

Diese Liste beinhaltet die Toten aus dem gesamten heutigen Stadtgebiet, d.h. aus Troisdorf und den 1969 hinzugekommenen Ortschaften.

Die Gesamtzahl von 42 Toten erscheint nicht erschreckend hoch, wenn man die im allgemeinen miserable Behandlung der Zwangsarbeiter kennt. Die Zahl der Toten dürfte höher sein, wenn sich Vermutungen bewahrheiten, dass einige Tote nicht registriert worden sind - weder beim Standesamt noch bei Pfarrämtern. Solche Schätzungen müssten berücksichtigen, dass auch gegen Ende der Kriegshandlungen in Troisdorf einige Tote noch ordnungsgemäss registriert worden sind. Die Zahl der nicht registrierten Toten muss deswegen nicht allzu hoch sein.

Typisch ist der hohe Anteil sowjetischer Bürger; typisch ist auch die zehnfache Todesursache Lungentuberkulose bzw. -entzündung, was auf mangelhafte Ernährung und schlechte oder gefährliche Arbeitsbedingungen schliessen lässt; diese Diagnose ist ausdrücklich bei mehreren DAG-ArbeiterInnen gestellt worden.

Auffällig ist der hohe Anteil von Säuglingen und Kleinkindern: insgesamt fünf, alle waren Kinder russischer Mütter. Valentine ist nach einem Tag gestorben, Olga ist immerhin 9 Monate alt geworden.

Zwei russische Kinder haben deutsche Namen: Gerhard und Peter: Es soll nicht ungewöhnlich sein, dass Russen ihren Kindern deutsche Vornamen gegeben haben. Andererseits darf man wohl auch vermuten, dass die Kinder einen deutschen Vater hatten...

15 Personen sind in den 20er Jahren geboren, also sehr jung gestorben. Die Verteilung auf die Nationalitäten ist ebenfalls typisch: 11 Russinnen/ Russen, 2 Belgier, 1 Polin, 1 Jugoslawin.

Eher ein Sonderfall scheint die Todesursache Methylalkoholvergiftung zu sein. Beide Tote waren Russen und über 30 Jahre alt; bei Serjewitsch ist ausdrücklich vermerkt "Landarbeiter". Woher hatten sie ihr "Getränk"? Es soll vorgekommen sein, dass Arbeiter diesen "Stoff" bei der DAG "besorgt" haben. Warum haben diese beiden davon getrunken?

Und was steckt hinter der Todesursache "vom Zug überfahren", vermerkt bei der 16jährigen Wolga [oder Olga ?] aus Woroschilowgrad? Damals fuhren die Züge langsamer und geräuschvoller als heute; sollte sie einen Zug übersehen haben? Wenn man sieht, dass sie in Oberlar gestorben ist, wo die Gleisanlagen breit und übersichtlich sind, scheidet ein Versehen wohl aus. War es Verzweiflung, d.h. Selbstmord? Wenn ja, was hat sie dazu bewogen? War sie schwanger?

Nach letzten Informationen ist es aber wahrscheinlicher, dass ihr Tod ein Unfall war. Zeitzeugen berichten, dass gerade russische Frauen (und auch Mädchen) die Gleise der Reichsbahn nach Bombenangriffen reparieren mussten. Demnach wäre Olga als Streckenarbeiterin bei der Arbeit getötet worden.


1 vgl. allgemein dazu: Bernd-A. RUSINEK, Gesellschaft in der Katastrophe. Terror, Illegalität, Widerstand - Köln 1944/45, Essen 1989 (=Düsseldorfer Schriften zur Neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens, Band 24), S.15 ff.

2 teilweise mit anderer Akzentsetzung: ANGERMUND in FAUST, S. 50 ff.

3 Auf die mögliche Bedeutung von Denunziationen siehe neuerdings Robert GELLATELY, in FAUST, S. 40 ff; Beispiele aus Ratingen bei Uwe KAMINSKY, aaO, S. 193 f.

4 s. die einschlägigen Zeitungsartikel in General-Anzeiger Bonn, Rhein-Sieg-Anzeiger und Rhein-Sieg-Rundschau vom 7. bis 12. Mai 1993.

5 Mehr aus Zufall sind bislang Kontakte nur zu ehemaligen DAG-Arbeitern hergestellt worden. Ausnahme ist M. Huybregts, der nach DAG und Haft in einer Troisdorfer Autowerkstatt gearbeitet hat. Von den anderen grossen oder grösseren Firmen ist bislang noch kein(e) Zwangsarbeiter(in) ausfindig gemacht worden.

6 z.B. in seiner Erzählung "Weihnachten mit dem Silberfuchs" in: Tonino GUERRA/Roland GüNTER: Aufbruch in Troisdorf, Essen 1992, S.24 ff.

7 KöNIG/SCHNEIDER, S.63.

8 VAUPEL, Zwangsarbeiterinnen, S.53.

9 KöNIG/SCHNEIDER, S.101.

10 KöNIG/SCHNEIDER, S.92 ff; am 31.März 1944 wurden 71 Personen getötet; von allen diesen Toten wurde nur noch ein Ringfinger gefunden. Den Familien der deutschen Opfer wurden mit Sand gefüllte und verschweisste Särge zugestellt (KöNIG/SCHNEIDER, S.94).

11 Die NS-Akten verzeichnen als jüngste Arbeiterinnen 15jährige Mädchen; in ihren Entschädigungsforderungen nach 1945 gaben einige Frauen an, vom Geburtsjahrgang 1931 zu sein.

12 Nachkriegsfoto einer solchen Baracke in VAUPEL, Spuren, S. 66.

13 siehe dazu die Berichte der Frauen in VAUPEL, Spuren, S.61 ff.

14 "Kanarienvögel" wurden die erkrankten Frauen von der Bevölkerung genannt, nach: VAUPEL, Zwangsarbeiterinnen, S.68.

15 KZ Buchenwald an WVHA, 8.12.44, Faksimile in KLEWITZ, S.227.

16 KLEWITZ, S.66 ff.

17 KLEWITZ, S.72, nach einer zeitgenössischen DAG-Statistik.

18 KLEWITZ, S.107, nach einer zeitgenössischen DAG-Statistik.

19 KLEWITZ, S.119.

20 KLEWITZ, S.218.

21 KLEWITZ, S.245 f.

22 Ansichtskarten (Sammlung Wirges) von den Baracken aus den 20er Jahren sind wiedergegeben bei GUERRA/GüNTER, S. 120.

23 s. Hermann W. Müller: Lachend in den Tod - Ende eines Tagesausfluges (7.9.41), in: TJhh (21) 1991, S. 23 ff.

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