Die Strände des Roussillon: heute ist die französische Mittelmeerküste, kurz vor der spanischen Grenze, touristisch erschlossen und Urlaubsziel sonnenhungriger Einheimischer und Ausländer - vor über 60 Jahren waren die breiten Sandstrände von Argelès, Saint Cyprien und Barcarès für zehntausende Menschen ein Alptraum, und viele haben die Wochen oder Monate ihres Aufenthaltes nicht überlebt. Erwin Brünell aus der Hippolytusstrasse 4 in Troisdorf und Alfred Meier aus Sieglar sind für ein halbes Jahr dort gewesen; Erwin Brünell wurde über Gurs und Drancy nach Auschwitz deportiert und dort am 10. August 1942 ermordet; Alfred Meier konnte fliehen und hat später sogar den Holocaust überlebt.
In den ersten Februartagen des Jahres 1939 strömen über 100.000 Männer und auch Frauen aus Spanien über die Pyrenäen nach Frankreich. Sie fliehen vor den Franco-Faschisten, die den spanischen Bürgerkrieg für sich entschieden haben - unterstützt unter anderem von Hitler-Deutschland. Die grosse Zahl der Flüchtlinge stellt die französische Regierung unter Präsident Albert Lebrun vor grosse Probleme. Erstens ist das Grenzland auf den Ansturm keineswegs vorbereitet und zunächst auch organisatorisch überfordert; zweitens sind die Menschen, die über die Pässe, z.B. bei Le Perthus, marschieren, nicht erwünscht - handelt es sich doch zum grossen Teil um Männer, die - wie Ernest Hemingway oder Ernst Busch - Seite an Seite mit Kommunisten und Anarchisten für die Republik und gegen die Faschisten gekämpft haben.
Also leiten die französischen Behörden den Menschenstrom auf die leeren Strände von Argelès, Saint Cyprien und Barcarès um, kleine und ärmliche Ortschaften südlich von Perpignan, in denen die Einheimischen von Landwirtschaft und Fischfang leben.
|
|
Ankunft der Flüchtlinge im Februar 1939 |
|
|
erste Hütten - 1939 |
|
|
Der Strand von St. Cyprien - 2006 |
|
|
Der Strand von Argelès - 2006 |
Das Lager in St. Cyprien bekommt von den Franzosen den offiziellen Titel "Camp de Concentration de Saint-Cyprien", heute werden die Lager Internierungslager (Camp d'Internement) genannt. In Argelès sollen bis zu 75.000 Menschen, in St. Cyprien bis zu 90.000 Menschen gelebt haben. Sie hausen dicht gedrängt auf dem Sandstrand, gegen Kälte und Feuchtigkeit kaum geschützt in Holzverschlägen, notdürftig versorgt von den französischen Behörden. Im Juni 1940 z.B. erhalten sie zum Schutz gegen den feuchten Untergrund Strohmatten, die von Läusen durchsetzt sind. Bei einer Typhusepidemie im Sommer 1940 sterben mindestens 9 Menschen im Lager St. Cyprien und 250 Menschen im Krankenhaus St. Jean in Perpignan. Später werden Baracken auf den Sand gesetzt:
|
|
Zeichnung der Baracken |
|
|
Dto. |
Die Gemeinde Argelès-sur-Mer hat den Flüchtlingen am Strand ein Denkmal gesetzt:
Text der Inschrift:A la Mémoire des 100.000 Républicains Espagnols internés dans le camp d'Argelès lors de la RETIRADA de février 1939. Leur malheur: avoir lutt é pour défendre la Démocratie et la République contre le fascisme en Espagne de 1936 à 1939. "Homme libre, souviens toi" |
Übersetzung:Zur Erinnerung an 100.000 spanische Republikaner, die im Lager von Argelès interniert waren wegen der Retirada (Flucht) vom Februar 1939. Ihr Unglück: Gekämpft zu haben für die Verteidigung der Demokratie und der Republik gegen den Faschismus in Spanien 1936-1939. "Freier Mensch, erinnere dich!" |
|
|
Blick auf den Strand, Richtung Süden |
|
|
Gedenktafel und Stein |
Und die Gemeinde St. Cyprien baut z.Zt. ein Dokumentationszentrum auf, das - wohl überwiegend - an die Spanienkämpfer erinnern soll. Ob auch die deportierten Juden berücksichtigt werden, bleibt abzuwarten.
Im Sommer 1940 ist Frankreich im Krieg, nach der Kapitulation in Compiègne am 22. Juni 1940 wird Frankreich in eine von den Deutschen besetzte und in eine "freie" Zone geteilt, die von Marschall Petain in Vichy regiert wird - unter dem Kommando von Hitler-Deutschland. Die Vichy-Regierung hat sofort alle ausländische Juden, darunter auch deutsche, die z.T. schon mehrere Jahre in Frankreich lebten, festgenommen. Etwa 5.000 von ihnen werden um den 30. Mai 1940 nach St. Cyprien deportiert - unter ihnen Erwin Brünell aus Troisdorf und der frühere sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Gustav Ferl; es sind ausschliesslich jüdische Männer, die in Deutschland oder Österreich geboren sind und bereits längere Zeit in Belgien oder Frankreich lebten.
Erwin Brünell war in den dreissiger Jahren vor den Nazis geflohen - zunächst nach Brüssel. Dann verliert sich vorübergehend seine Spur. Erst aus Dokumenten, die im Archiv des Departements Pyrénées Atlantiques in Pau aufbewahrt werden, geht hervor, dass er in St. Cyprien gewesen ist. Erwin Brünells Ehefrau Alice lässt nämlich am 22. November 1940 über Vermittler anfragen, was aus ihrem Mann geworden ist, der in Block VI wohne; sie sei seit zwei Monaten ohne Nachricht von ihm. Aus dem spärlichen Schriftverkehr kann rekonstruiert werden, dass Erwin Brünell von Mai bis Oktober 1940 in St. Cyprien gewesen ist.
Alfred Meier aus Sieglar war ebenso nach Brüssel ausgewandert und nach St. Cyprien deportiert worden. Er hat später nicht berichtet, dass er Erwin Brünell in St. Cyprien getroffen hat.
Gustav Ferl ist St. Cyprien entkommen; er schrieb noch 1941 sinngemäss: "Wir kamen in zusammengefallenen Hütten an, halb verhungert und durchnässt, der Regen tropfte durch die undichten Holzdecke. Die Strohmatten waren nass und voller Fliegen. Wasser wurde aus zwei Meter tiefen Löchern geschöpft. 30 Männer starben in zwei Monaten. Erst als Typhus nachgewiesen wurde, wurden die Toiletten verbessert. Die französische Lagerleitung rechtfertigte ihre Untätigkeit mit der Niederlage Frankreichs und der allgemeinen Knappheit. Immerhin gab es ausreichend Früchte und Gemüse zu essen."
Alfred Meier erkrankte an Typhus und wurde im Krankenhaus von Perpignan behandelt. Von da aus floh er und tauchte zunächst unter.
Zwischen dem 28. und dem 30. Oktober 1940 sind 3.643 (nach anderen Angaben 3.870) Menschen von St. Cyprien nach Gurs, einem anderen Lager in den Pyrenäen, verlegt worden; ein Sturm hatte in St. Cyprien zahlreiche Holzbaracken zerstört. Auf die schriftliche Anfrage von Alice Brünell hat jemand lapidar "Gurs" geschrieben.
Gurs, St. Cyprien, Argelès, Barcarès, Pithiviers, Les Milles und viele andere Internierungslager liegen in der "freien" Zone Frankreichs, die - noch - nicht von den Deutschen besetzt ist. Die Vichy-Regierung gibt schlicht dem Druck der Deutschen nach und liefert ihnen die jüdischen Landsleute aus. Hintergrund: Der Leiter des "Judenreferats" in Paris, der 29jährige Theodor Dannecker, war nämlich am 18. Juli 1942 nach Gurs gekommen und hatte die Deportation angeordnet.
Am 6. August 1942 wird in Gurs der erste von sechs Transporten mit deutschen Juden zusammengestellt: Alle Personen mit den Anfangsbuchstaben A bis M, also auch Erwin Brünell, werden auf Lastwagen verladen und zum Bahnhof Oloron-Ste-Marie gebracht; dort werden sie in einen Zug verfrachtet, der nach vier Tagen, am 10. August 1942, in Auschwitz ankommt. Eine deutsche Frau schreibt am Vorabend des Transports (ihre Karte ist im Jüdischen Museum in Berlin ausgestellt):
"Mein lieber Papa ! Bitte schreibe nicht mehr hierher. Ich fahre jetzt weg [Text geschwärzt]. Schicke Dir die nächste Adresse vom Ankunftsort. Hoffentlich geht es Dir gut. "Kopf hoch" lieber Papa bleibe gesund anbei ein Foto. Tausend Grüsse und Küsse sendet Dir Deine Tochter Steffi."
Es kann davon ausgegangen werden, dass diese "Steffi", genauso wie Erwin Brünell und viele andere aus dem Transport noch am Tag der Ankunft in Auschwitz in der Gaskammer ermordet wurde.
Alfred Meier wird 1942 gefasst und nach Auschwitz deportiert. Er überlebte Auschwitz und starb am 16. Februar 1980 in Baden-Baden.
| zurück | © 2006 by nf | established August 2006, revised 12.06.2010 |
|
BilderGalerie |