[Tagebuch:]
Heiligabend 1918
Ich bin mit meinen Schreibereien nie zu Ende gekommen. Mir
war vor lauter Angst und Sorge gar nicht danach zumute. Die
letzte Zeit war scheusslich: wohnungslos und arbeitslos.
Ich hatte hier gekündigt, und wir konnten keine neue
Wohnung finden. Nun haben sich beide Teile zur Zufriedenheit
geklärt: Wir haben eine Wohnung gefunden bei einer
anscheinend sehr netten Frau. Die Wohnung ist nicht so
hübsch wie diese, aber ich glaube, es wird sich dort
angenehmer leben lassen. Es ist nämlich an und für
sich unangenehm, mit Leuten in einer Küche zusammen zu
kochen; das wird noch unangenehmer, wenn die Vermieter auch
noch dort ihre Besuche zum Teil empfangen, wie es hier der Fall
ist. Und "Oma" hier im Hause guckte einem ständig in den
Topf. Es ist viel Gutherzigkeit dabei, sie will mir behilflich
sein. Aber ich hätte lieber alleine gewirtschaftet. Die
andere Wohnung wird hoffentlich etwas bleibender sein. Die Frau
war auch ganz einverstanden, dass von März an ein
kleiner Gast bei uns einkehrt. Ich hatte Sorge, dass sie
sich händeringend zurückziehen würde, wenn sie
hörte, ich wäre in Hoffnung. Und heute, gerade am
Heiligen Abend, hörte Peter, dass er ein neues
Kommando nach Wilhelmshaven bekommen hatte. Müsste er
beim alten Kommando bleiben, so würden wir nach Kiel
verschlagen. Das ist ein schönes Weihnachtsgeschenk,
dieses Kommando.
Ich war lange Zeit in der Stadt herumgelaufen. Ich wollte
für Peter einen Rasiertopf haben. Aber er war aus
Porzellan und in der geeigneten Grösse nicht zu
erhalten. Ich kaufte dann das " ;lustige Buch" mit kleinen
Erzählungen. Darin liest er gerade und lacht, und als ich
nach Hause kam, fasste er mich um und sagte: "Nun freue
dich mal, ich hab jetzt mein Kommando." Davon wurde ich fast
frisch. Wir gingen dann noch durch die Stadt. Wir erkundigten
uns nämlich nach der katholischen Kirche, und wann dort
Gottesdienst sein würde, und kauften einen
geräucherten Fisch für 3,20 M. Ich schreibe den Preis
dazu. Er wird mich später interessieren. Der Fisch wog
nicht ganz 3 Pfund. Und dann kauften wir einen Tannenzweig und
2 Zweiglein und 2 grosse, gelbe Astern mit etwas
Edeltanne. Und dann tranken wir zu Hause Kaffee, echten
Bohnenkaffee, das muss heute erwähnt werden. Es war
ein kleiner Briefumschlag voll für 3,50 M und reicht
für zweimal eine Kanne voll, die vier Tassen
enthält.
Ich hatte ihn mit Mühe auf gutes Zureden im Hotel
Beermann erhalten. Ich hatte einen Kuchen gebacken. Peter
sollte nichts davon wissen, aber er merkte es dann doch. Und
wir probierten abends ein Stück gemeinsam. Und heute war
er den ganzen Tag daran: "Zum Kaffee würde ein Stück
frischer Kuchen prächtig schmecken." Aber er kam erst
heute abend um 6 Uhr auf den Tisch: Ein ganz reines Tischtuch -
unsere Astern in einer sehr schönen Vase, die mir Peter
zum Nikolaus schenkte, über die Edeltannen hatte ich etwas
Silberschnitzel getan. Der Kuchen mit etwas besilberten Tannen,
eine Büchse Wurst, die wegen Weihnachten ausgegeben worden
ist und Brot, weil Peter sich eine Grundlage verschaffen wollte
für den Kuchen. Dazu unser Nickeltablett, ganz blank
geputzt. Es war ein festtäglicher Tisch, und ich freute
mich. Ich muss noch erzählen, dass ich Peter aus
seiner letzten Zigarrenkiste nach und nach 8 Zigarren geraubt
hatte. Es gibt ja jetzt kaum mehr Zigarren. Die
überreichte ich ihm mit einem Tannenzweig vor dem Kaffee,
und da überreichte mir Peter seine kleinen Gaben: Ein K
affeesieb, einen Marmeladentopf und eine Unterlage für
eine Kaffeekanne. Wie liebte ich eine solche Kaffeestunde!
Peter hatte Brötchen geholt, in seiner Abwesenheit
stellte ich eine Schale mit äpfeln auf den Tisch. Auch
Tannen mit Silber steckten an der Schale. Ich legte ihm das
Buch in Seidenpapier auf den Tisch. Es sieht nach Weihnachten
aus, es duftet auch danach. Peter hat eine Flasche Moselwein
vor sich stehen, der grosse Tannenzweig prangt an der Uhr
über dem Schreibtisch; ich habe eine grosse Freude in
mir, seit langen Tagen. Es ist schon viertel nach elf Uhr. Wir
wollen um 12 Uhr in die Christmette nach Lehe. Ich muss so
oft denken: Wie wird es nächstes Jahr Weihnachten sein?
Dann ist ja unser Lüttes schon da.
Lehe, 31.Januar 1919
Ich habe schon lange beginnen wollen, in diesem Buch zu
schreiben, gleich, als ich dieses Heft unter Peters
Büchern auf dem Boden in Hamburg fand. Und es ist mir
gleich der Gedanke gekommen: Hier soll alles geschrieben
werden, was das Kind angeht, das kommen wird. Damals war ich
nämlich gerade bei Doktor Calvary gewesen und der hatte
bestätigt, was ich ahnte: "Sie sehen einem
glücklichen Ereignis entgegen." Manchmal habe ich
gesonnen, mit welch schönen Worten ich dies Heft beginnen
wollte für mein Kind. Es macht mächtigen Skandal
unter meinem Herzen und wenn Peter hier sässe,
würde er dazu sagen:
"So'n freches Gör !" Wenn dies kleine Etwas mal
gross und verständig sein wird, dann soll es dies
Heft haben und Freude daran haben: Jeder hört gerne von
sich erzählen. Die schönen Worte, die hier den Anfang
machen sollten, sind alle fort, jetzt, wo ich wirklich anfangen
will. Mir fallen nur kleine Tatsachen ein.
Wir heirateten am 24.Mai 1918. Am 7. Oktober 1918 auf dem Wege
von Hamburg nach Kluse, kurz hinter Oldenburg, spürte ich
zum ersten Mal ein zweites Leben in mir gegen 5 Uhr abends.
Am 7. Januar 1919 schnitten wir die ersten Kinderhemdchen zu.
Peter hat die meisten zugeschnitten. Das Leinen hatte Peter in
Flandern - Peter war bei der U-Boot-Flotille Flandern -
gekauft: Einige Bettücher, Servietten und dergl. Ich war
sehr froh, dass ich diese Sachen hatte. Fertige Sachen
bekommt man nur auf Bezugsschein und zwar werden geliefert: 6
Hemdchen, 4 Jäckchen, 12 Kindertücher, 2 Luren(?).
Die fertigen Sachen sind sehr schlecht. Von den Jäckchen,
die ich kaufen musste, kostete das Stück 10 M. Ich
bin mit der Kinderausstattung immer noch nicht fertig. Es
fehlen noch die "dicken Stücke", wie dicke 45x45 cm
grosse Einlagen im Krankenhaus genannt wurden. Sonst ist
so ziemlich alles fertig. Es wird auch höchste Zeit. Der
Arzt rechnete als Zeit der Ankunft den 3. März aus, Peter
nach einem Buch den 28. Februar. Wir haben auch schon den
Kinderwagen gekauft. Das war viel Mühe und Arbeit, den zu
erstehen. Wenn mein Kind dies später lesen wird, dann
reisst es gewiss die lieben äuglein auf. Es ist
Kinderwagenknappheit genau wie hier augenblicklich
Wohnungsknappheit und noch sehr, sehr viel andere Knappheit
ist. In der Zeitung sind öfters Kinderwagen annonciert,
manchmal 3 Stück auf einmal. An 3 Tagen bin ich vergeblich
alle diese Annoncen abgelaufen. Jedes Mal hiess es: Schon
verkauft. Einmal war ein Wagen da, aber der sollte 120 M ohne
Matratze kosten. Da kauften wir uns einmal die Zeitung gleich
auf der Redaktion und gingen auf eine Annonce los. Den Wagen
haben wir dann auch glücklich erjagt. Für 80 M. Und
ich war noch stolz auf meinen Kauf, denn ich erwischte dabei 2
Rosshaarmatratzen, die unerschwinglich teuer sind. Die
Frau sagte, dass der Wagen schon 8 Jahre auf dem Boden
gestanden habe, sie wusste nicht, womit die Matratzen
gefüllt waren, sonst hätte sie vielleicht noch
aufgeschlagen. An dem Wagen fehlen noch die Gardinen. Es ist
viel Sorge, in diesen Zeiten ein Kind zu bekommen. Die
Kinderausstattungssorgen waren eben an der Reihe. Die
Lebensmittel sind eine zweite Sorge und da hat Peter auch
vorgesorgt: Er hat Haferflocken, Sago, Griess und Reis
gekauft, auch eine Anzahl Fleischdosen. Es sollen viele junge
Mütter jetzt sterben bei der Entbindung. Nur die letzten 3
Monate bekommt die hoffende Mutter wöchentlich 200 g
Butter und täglich 1 Liter Milch. Sonst muss sie mit
ihren Lebensmittelkarten auskommen und darauf gibt es zum
Beispiel diese Woche auf Bezugsmarke 386 350 g Marmelade zum
Preise von 70 Pf auf Bezugsmarke 387 125 g Graupen für 11
Pf gegen Abgabe von 2 Bezugsmarken 388 eine 1-Liter-Dose
sterilisierte Vollmilch für 1,30 M.
5.2.19
Heute sind endlich auch die "dicken Stücke" fertig
geworden. Peter hat dabei seine Kunst auf der Nähmaschine
zum ersten Mal ausgeübt. Er hat 3 Stücke
genäht.
7.2.19
Gestern habe ich nun endlich auch die Wagengardinen genäht. Der Mull dazu kostet 14,18 M. Ich brauchte 90 cm. Sie sind mit einer Spitze eingefasst, die Peter in Flandern im vorigen Sommer gekauft hatte. Jetzt sind nur noch einzelne Sachen da, die gewaschen werden müssen. Ein Taufkleidchen habe ich mit noch anderen Sachen von meiner Schwester Ella bekommen. Das habe ich auch in den letzten Tagen in Ordnung gebracht. Ich habe lächeln müssen, als ich's fertig machte. Vorher sollte unser kleines Wesen als Beamtenkind getauft werden. Nun, da die Zeiten durch die Revolution andere geworden sind, sollst du das heilige Wasser doch spüren, trotzdem nichts mehr dazu zwingt. Peter sagt:" Man kann es ja auf alle Fälle tun." Und ich? Als mir einfiel : "Jetzt können wir das ja sein lassen", hatte ich ein unangenehmes Gefühl, das ich mir nicht eingestehen wollte. Ich war ganz zufrieden, als Peter es gerne wollte. Von alten Gewohnheiten kann man nicht so schnell ablassen.

Ernst, 14 Monate alt (2. von links), wird beschenkt: Ein kleines Holzpferd, Obst und andere kleinen Dinge waren die Weihnachstgeschenke in früheren Jahren.

Peter ist am 19.2.1919 geboren. Hier wird er von seiner Mutter
möglicherweise zum ersten Mal im neuen Kinderwagen
ausgefahren. Der Kinderwagen hatte übergrosse
Räder, die nicht luftbereift waren; die Achsen waren wegen
des überstandes unterschiedlich lang. Der Korb war am
Gestell ganz oben aufgehängt. Daduch war der
Säugling/das Kleinkind sehr gut abgefedert, muss aber
deswegen wie auf hoher See geschaukelt worden sein.

Peter steht vor der Haustür. Bei der Aufnahme hat er
sich wohl bewegt, denn seine Gesichtszüge sind etwas
unscharf, leicht verwackelt.
Peter trägt eine Matrosenmütze, eine lange Jacke
oder kurzen Mantel, eine kurze (!) Hose, lange Strümpfe,
hohe Schnürschuhe. Um den Nacken hat er seine
(Kindergarten) Tasche gehängt.
Die Bekleidung war für die damalige Zeit normal und
entsprach bürgerlichem Standard.

Peter (re.) und ein grösserer Junge (wegen der
Kleidung wahrscheinlich sein Bruder) sitzen auf einem sog.
"Holländer". Diese Gefährt, ein Urahn des modernen
Kettcar, wurde mit den Füssen auf der Vorderachse
gelenkt und angetrieben mit dem Bügel, der über der
Vorderachse sass und über eine Zahnstange ein Zahnrad
drehte. Eine Kette (möglichst mit Freilauf) übertrug
die Kraft auf die Hinterachse.